Besonders geht auf das althochdeutsche Adverb suntar = abseits, gesondert, für sich zurück. Aus dem althochdeutschen suntar ging das mittelhochdeutsche besunder = abgesondert, vorzüglich hervor. Etwas Besonderes ist etwas außergewöhnliches, das durch seine Besonderheit von anderem abgesondert, also getrennt da steht. Besonderes stimmt nie vollständig mit etwas anderem überein. Selbst wenn es Überlappungen gibt, bestehen Grenzen, die eine Identität verhindern.
Während der Begriff in althochdeutscher Zeit noch wertneutral das allgemeine Merkmal einer für sich stehenden Existenzform bezeichnete, rückten später die Konnotationen vorzüglich, herausragend, außergewöhnlich in den Vordergrund. Wenn es heute heißt...
... schwingt darin eine Bewertung mit.
Indem etwas erscheint, wird es zu etwas Besonderem. Alles, was überhaupt anschaulich erkennbar ist, taucht als besonderer Vordergrund aus dem Hintergrund auf. Der Hintergrund, der als solcher nicht erkannt, den man allenfalls erahnen kann, ist nur insofern etwas Besonderes, als dass er für alles Erschienene derselbe und durch keine eigene Gliederung der Besonderheit des Erschienenen gleichzusetzen ist. Im alltäglichen Bewusstsein, das mal dieses, mal jenes Element fokussiert, das in der Lichtung des Daseins erscheint, taucht der Hintergrund nicht gesondert auf.
Jedes Ding ist bereits etwas Besonderes. Erst indem es etwas Besonderes ist, wird es zu einem Objekt. Jedes Objekt unterscheidet sich von jedem anderen in mindestens einer der grundsätzlichen Modalitäten der Erscheinungswelt.
| Modalitäten der Erscheinungswelt | ||
| Raum | Zeit | Materie |
| Raum begründet das Nebeneinander verschiedener Objekte. | Zeit begründet das Nacheinander verschiedener Objekte. | Objekte unterscheiden sich durch ihre Struktur und ihre materielle Zusammensetzung. |
Objekte sind durch Kräfte miteinander verbunden, durch die sie sich in Raum und Zeit wechselseitig bedingen. Die Zusammenhänge folgen den Gesetzen der Kausalität.
Da es kein Objekt gibt, dass sich zum selben Zeitpunkt am selben Ort befindet wie ein anderes, ist jedes Objekt etwas Besonderes, das sich von allen anderen unterscheidet. Das gilt bereits für einfache Objekte der subatomaren Wirklichkeitsebene. Die Einzigartigkeit zusammengesetzter Objekte wird darüber hinaus durch ihre jeweils individuelle Struktur und unterschiedliche Zusammensetzung gesteigert. Angeblich ist selbst die Formenvielfalt einfacher Schneeflocken so groß, dass keines je einem anderen vollständig in Form und Aufbau gleicht.
Belebte Objekte sind immer zusammengesetzt. Während Schneeflocken aus einer Substanz bestehen - Wasser -, bestehen Lebewesen aus hunderten oder tausenden verschiedener Moleküle. Darüber hinaus durchläuft jedes Tier und jede Pflanze einen individuellen Entwicklungsprozess, der seine Einzigartigkeit im Zeitverlauf ins schier Unermessliche steigert.
Wenn jeder Weinbergschnecke bereits Merkmale zukommen, die sie im Vergleich zu allen übrigen Exemplaren ihrer Gattung zu etwas Besonderem machen, ist das bei Menschen erst recht der Fall. Die biographische Besonderheit eines jeden ist so einzigartig, dass es im Universum nicht nur acht Milliarden, sondern trillionenfach mehr Exemplare geben könnte, von denen ein jedes befugt wäre, sich als etwas Besonderes zu betrachten.
Verblüffendes Ergebnis
Wenn man aus 10000 Büchern 100 auswählt, wie viele mögliche Sequenzen gibt es dann?
Antwort der KI
Wird ein Buch nach der Auswahl wieder zurückgelegt und kann erneut im Stapel landen, gibt es für jede der 100 Positionen 10.000 Möglichkeiten. Die Formel lautet: 10000100 = 10400 (eine 1 mit 400 Nullen).
Zum Vergleich: Ein Lichtjahr hat 9,461 x 1015 Meter. Das bekannte Universum hat einen Durchmesser von circa 13 x 109 Lichtjahren, also 1,22 x 1026 Meter. Die Zahl der Schritte, die man bräuchte, um es zu Fuß zu durchqueren, ist im Verhältnis zur Zahl der Möglichkeiten, Bücher zu lesen, verschwindend gering.
Fazit
Die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Menschen, die es auf hundert gelesene Bücher bringen, dieselben Bücher in derselben Reihenfolge gelesen haben, tendiert gegen Null; es sei denn sie leben in einer Diktatur, die die Lektüre vorschreibt. Allein die Vielfalt möglicher Entwicklungen, die der Einzelne hätte machen können, machen die tatsächlich erfolgte Wahl zu einem Sonderfall, dessen Besonderheit quasi absolut ist.
Es ist nicht so, dass wir uns erst dann für etwas Besonderes halten, nachdem wir die eben erfolgten Überlegungen durchgespielt haben; und sagen: Whow! Wenn das so ist, bin ich ja etwas Besonderes. Um die Existenzform des Menschen zu möglichen, hat die Natur die Struktur seines Bewusstseins vielmehr so programmiert, sich selbst als Mittelpunkt seiner Welt zu betrachten. Und was könnte im Kreise aller übrigen Objekte besonderer sein, als deren Mittelpunkt?
Gewiss: Auch das geschieht nicht in der Folge bewusster Reflexion, sondern instinktiv. Bevor es nämlich über den objektiven Mittelpunkt der Wirklichkeit nachdenken kann, identifiziert das Bewusstsein den Leib, an den es offensichtlich gebunden ist, als sein Ich, das heißt, als das angenommene Zentrum all seiner Lebensbezüge.
Der Leib ist das unmittelbare Objekt, von dem aus sich das Ich eine absolute Besonderheit zuweist. Der Leib ist das einzige Objekt, den das Bewusstsein unmittelbar wahrnehmen kann und von dem aus es den Rest der Wirklichkeit als Etwas von ihm Abgetrenntes betrachtet. Das Ich ist das kategorisch Abgesonderte, das in dieser Qualität dem Nicht-Ich einzigartig gegenüber steht. Alle übrigen Objekte, die das Ich überhaupt etwas angehen, setzt es in Bezug zu dieser Mitte. Die Person denkt, fühlt und handelt im normalen Modus egozentrisch.
Auch wenn er im Dienst des eigenen Überlebens so handelt, als wäre er es, ist der Einzelne im Wirklichkeitsbereich der einander gegenüberstehenden Erscheinungen objektiv keinesfalls die Mitte.
Dass er so handelt als-ob, ist einerseits ein nützliches Grundprinzip, mit dessen Hilfe er die profanen Angelegenheiten seines Daseins ordnet. Dabei verurteilt ihn die Egozentrik seines Weltbilds nicht dazu, das Wohl seiner Bezugspersonen oder der Umwelt, in der er lebt, völlig außer Acht zu lassen. Im Gegenteil: Ein kluger Egoist ist nicht nur um sein persönliches Wohl bedacht. Er sieht vielmehr, dass sein persönliches Wohl maßgeblich von der Qualität jenes Umfelds abhängt, in das er eingewoben ist.
Andererseits führt die Gleichsetzung der subjektiven mit der objektiven Mitte dazu, dass der Einzelne aus einer illusorischen Position heraus mit der Wirklichkeit als Ganzes in Konflikt gerät. Auch wenn er mit den Beifahrern seines Autos im Einklang ist, ist er insgesamt als Geisterfahrer unterwegs und handelt sich auf dem so notwendigen Schlingerkurs einen Schaden nach dem nächsten ein. Sobald das Radio vor einem Geisterfahrer warnt, ruft er aus: Verdammt noch mal! Nicht einer. Tausende!
Gegen das Leben wäre nichts einzuwenden, wenn es nicht so oft weh täte. Dass es das tut, ist Folge davon, dass alles, was lebt, genau dadurch zu etwas über alle Maßen Besonderem wird.
Wir haben gesehen: Selbst eine Murmel ist insofern bereits besonders, als sie von allen übrigen Murmeln durch ihre speziellen Koordinaten in der Raumzeit zu unterscheiden ist. Das macht sie verwundbar. Über kurz oder lang wird sie an der Stelle, an der sie anzutreffen ist, tatsächlich getroffen; und zwar von Kräften, die ihrer Existenz ein Ende bereiten. Gut für die Murmel: Sie merkt nichts davon.
Uns ist dieser Vorteil nicht gewährt. Warum? Weil unser Grad an Besonderheit um tausend Potenzen höher als die der Murmel ist und das Universum einen solchen Aberwitz nur verwirklichen kann, wenn es in eine derart komplexe Struktur Mechanismen einbaut, die individuelles Leid erzeugen. Denn nur die Allgegenwärtigkeit drohenden Leids bringt solche Strukturen dazu, eigenverantwortlich etwas gegen ihren Untergang zu unternehmen; was offensichtlich eine Grundbedingung ihrer raumzeitlichen Komplexität ist. Mehr noch: Beim Kampf gegen den Untergang entwickeln sie neue Methoden zusätzlicher Komplexität, die als Attribute ihres individuellen Wesens ihre Besonderheit weiter steigern.
Als etwas Besonderes betrachtet zu werden ist offensichtlich nicht nur vorteilhaft, wenn man es mit sich selber tut, und daher gut für sich sorgt. Es ist auch gut, wenn man von anderen für etwas Besonderes gehalten wird; denn etwas Besonderes zu sein, ist gemäß allgemeinem Urteil gleichbedeutend mit erhöhtem Wert.
Von der ⇗ Blauen Mauritius gibt es heute noch 12 Stück auf der Welt. Das verleitet solvente Briefmarkensammler dazu, dafür eine Million zu bieten. Warum? Etwa, weil sie unter Millionen von Briefmarken als etwas ganz Besonderes gilt? Bedingt! Tatsächlich bietet der Briefmarkensammler eine solche Summe, weil er als Besitzer einer solchen Marke als etwas Besonderes gilt. Die grüne Heinemann 25 Pfennig von 1973 bekäme er schon für 1,99. Aber die hat doch jeder.
Generell legt der Mensch viel Wert darauf, als unverwechselbar einzigartiges Exemplar seiner Spezies erkannt zu werden. Schon ein falscher Name, mit dem er angesprochen wird, sorgt für Unbehagen; und sich in Liebesangelegenheiten nicht als Besonderheit zu erleben, die für den Anderen unaustauschbar ist, kann so schmerzhaft sein, dass man sich das Leben nimmt.
Man sieht: Der Mensch ist nicht nur dazu verdammt, als etwas Besonderes besonders exponiert zu sein. Er ist darüber hinaus vom Wunsch beseelt, etwas Besonderes zu sein; und wenn es geht, noch besonderer zu werden. Allein: Etwas Besonderes zu sein, heißt nicht nur als beachtenswert hervorzuragen. Es heißt auch, abgesondert, also abgetrennt zu sein. Und abgetrennt heißt ausgesetzt.
Zurück zum Geisterfahrer: Es mag sein, dass es dem Geisterfahrer gelingt, im Horizont all dessen, was er als Ich und mein bezeichnet, so viel Konsonanz zu schaffen, dass er sich so weit behaglich fühlt. Die Setzung seiner selbst als Mitte, bringt ihn aber in Dissonanz zum tatsächlichen Zentrum der Wirklichkeit. Mühsam bleibt er abgetrennt von einem Zentrum unüberwindlicher Kräfte, das jeden Anspruch ignoriert, etwas anderes statt seiner selbst zum wahren Zentrum einer Existenz zu machen. Existenz ist immer peripher. Sobald sie dem nicht Rechnung trägt, verdoppelt oder verzehnfacht sich das Leid, das jede Existenz, die sich selbst erlebt, schicksalhaft begleitet.
Zwei Ursachen des Leids
| objektiv unvermeidbar | subjektiv hinzugefügt |
| Durch seine Körperlichkeit ist der Mensch ein Objekt, das von anderen Objekten abgesondert ist. Indem er als solches existiert, ist er Einflüssen ausgesetzt, die der Struktur dieses Körpers schaden. Das Leid, das dem entspringt, ist im Grundsatz unumgänglich. Es kann durch kluge Maßnahmen zwar gelindert werden, nicht aber aus der Welt geschafft. | Indem sich der Mensch unreflektiert so durchs Dasein bewegt, als sei er tatsächlich dessen Mitte, erzeugt er eine Dissonanz mit der Wirklichkeit, in die er eingebettet ist. Der Missklang dieser Dissonanz erzeugt einen dauerhaften Daseinsschmerz, der durch Erfolge gedämpft oder vorübergehend übertönt werden kann, der aber nicht aus der Tiefe seines Erlebens verschwindet. |
Egal wie verstockt der Einzelne sich selbst zum Zentrum der Wirklichkeit macht und seinem egozentrischen Lebensstil treu bleibt, bleibt er tatsächlich abseits und in der Peripherie; etwa so wie einer von Billionen Klumpen Gestein, der die Sonne in der Oorth'schen Wolke umkreist ohne wenigsten nummeriert worden zu sein. Nicht nur, dass ihn der Grad seiner Besonderheit nicht vor diesem Schicksal bewahrt. Im Gegenteil: Seine Besonderheit ist der wesentlichste Grund dafür, dass er das Schicksal eines abseitigen Partikels erleidet, dessen Anspruch, von zentraler Bedeutung zu sein, vom Zentralgestirn als hanebüchen abgetan wird.
Nun ist es so, dass jeder Brocken ungeachtet seiner Abseitigkeit vom Gravitationszentrum des Sonnensystems angezogen wird; wie eine Motte vom Licht. Das heißt: Er drängt dorthin zurück, wo all seine Besonderheit in der Einheit des wahren Zentrums aufgehoben wäre. In der Menschenwelt ist daraus die Religion entstanden, also die Hinwendung des abgesonderten Teils zu einer einheitlichen Mitte, die er als seinen wahren Ursprung erahnt. Der Mensch kämpft um den Erhalt seiner Einzelexistenz. So hat das Eine, um das er kreist, es für ihn bestimmt. Zugleich sehnt er sich danach, aus deren Zwang befreit zu werden; was allerdings nur möglich wäre, wenn er die Sonderposition preisgäbe, die seine Existent ausmacht. Ein schwerer seelischer Konflikt.
Gib dich nicht auf! Das scheint eine Anweisung zu sein, die die Natur Lebewesen an oberster Stelle ins Programm schreibt. Folgt man der Hypothese, dass alles Konkrete dem absolut Einen entspringt, ist davon auszugehen, dass die Anweisung der Natur, die ihren Konstrukten vorschreibt, sich selbst zu erhalten, von höherer Stelle abgesegnet ist; also von einem absolut Einen, das so über alles Existierende hinausgeht, dass es selbst dem Sein nicht unterworfen ist. Was sich selbst erhält, erhält damit den Status des Abgesonderten aufrecht, der sein einstweiliges Wesen ausmacht.
Alles was ist, ist das, was wirklich ist. Logisch vollständig ist das aber nicht, denn es fehlt, was zwar nicht wirklich ist, aber möglich wäre. Deutet man den Urgrund nicht ontologisch, sondern henologisch (griechisch: to hen [το εν] = das Eine), sieht man das Seiende, dessen Sein und das zwar nicht-seiend, aber Mögliche, zu einer Ganzheit vereint, die über das Sein hinausgeht und selbst das Nicht-sein in sich einschließt. Erst das ist vollständig. Und nur das kann die Einheit sein, die selbst keiner Ursache bedarf. Was keiner Ursache bedarf, ist es selbst und damit frei. Freiheit ist das A & O der Wirklichkeit.
Das Eine ist das Zentrum der Wirklichkeit, dem all seine Kindelemente entspringen.
Als Elementen ist es uns freigestellt, Mutmaßungen darüber anzustellen, warum der Freiheit nicht das Wissen genügt, alles Mögliche verwirklichen zu können, ohne es tatsächlich zu tun. Eine Antwort, die unser Verstand, als sinnvoll erkennt, wird schwer zu finden sein, weil in der Welt, die uns zugeteilt wurde, Sinn nur einem Teil zukommen kann, indem er höheren Zwecken dient und über dem Einen kein Zweck zu verorten ist, dem es selbst dienen könnte.
Elemente, die einem Ursprung entspringen, bringen von dort etwas mit; die DNA sozusagen, die diesseits des Ursprungs verwirklicht wird und zugleich dem Einen jenseits des Ursprungs entspricht. Ein wesentliches Merkmal des absolut Einen besteht nun darin, dass es absolut unabgesondert ist. Wäre es nämlich abgesondert, wäre es nicht Einheit, sondern nur Teil.
Sprache als Hilfsmittel
Hier muss etwas verdeutlicht werden: Sobald wir behaupten, das Eine sei unabgesondert, tritt seine Unbegreiflichkeit zu Tage. Zur Freiheit des einen gehört die Möglichkeit, unabgesondert und zugleich abgesondert zu sein. Es vereint auch all das in sich, was unserer dualistischen Logik als unvereinbar erscheint. Sobald wir unsere Begriffe verwenden, um uns vom Einen ein Bild zu machen, können die Bilder niemals ganz stimmen. Sprache ist als Mittel zur Erkenntnis des Absoluten unzureichend.
Zur Mitgift, die das Eine uns vielen in die Wiege legt, gehört daher nicht nur der Auftrag, unsere jeweilige Besonderheit zu erhalten und auszubauen, sondern zugleich die Ahnung, dass wir erst in der Aufhebung aller Besonderheit zuhause sind. Der Ahnung entspringt der Impuls, nach dem Heimweg zu suchen.
Zwei Impulse stehen jetzt im Widerstreit. Der eine steht im Dienst der Person in der Welt der 10000 Dinge. Er versucht, die Person nach oben zu bringen. Sein Anwalt ist das Ego. Der zweite steht im Dienst des absoluten Selbst. Auch er versucht, die Person nach oben zu bringen. Für ihn ist oben aber nicht oberhalb anderer Dinge, sondern über der Person.
Ziele, die schwer vereinbar sind
Die oberflächlichste Lösung des Konflikts besteht in der Verdrängung. Wer im Leben erfolgreich ist oder daran glaubt, es bald zu werden, stellt die Heimkehr aus der Diaspora der Einzelexistenz hoffnungsvoll zurück. Er glaubt, dass die Missstände der abgesonderten Besonderheit diesseitig zu kompensieren oder gar zu lösen sind. Wozu sollte man den Träger der erwarteten Erfolgsgeschichte - das Ich in Person - dann in Frage stellen? In Zeiten wirtschaftlicher Prosperität und neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse haben Gotteshäuser denn auch weniger Zulauf, als wenn eine Pestepidemie ungehindert durch die Lande zieht.
Da die Verdrängung auf Dauer selten erfolgreich ist, taucht der immanente Trennungsschmerz der individuellen Existenz fast immer wieder auf; bevor das Schicksal den Verdrängenden durch einen plötzlichen Herztod ins Paradies befördern könnte, um zu verhindern, dass er jemals merkt, dass sein Manöver ungenügend ist.
Viele kennen daher Pestepidemien biographischer Art, die zwar nicht durch die Lande, aber durch ihr persönliches Leben ziehen und dort die Hoffnung, das Glück sei schon in trockenen Tüchern, unaufhaltsam dahinraffen. Auf derartige Erfahrungen reagieren Menschen auf dreierlei Art:
Drei Möglichkeiten
Religiöser Monismus wird durch Mystik praktiziert, religiöser Dualismus durch Lobpreis, Gehorsam, Bekenntnis und Anbetung.
Das Bündnis mit dem Retter ist der Vorsatz der dualistischen Religion. Sie ist dualistisch, weil sie die Dualität der Erscheinungswelt nicht nur als Erscheinung betrachtet, sondern sie in Form einer dualistischen Ontologie zum Prinzip der Wirklichkeit ernennt. Grundlage dessen ist die Subjekt-Objekt-Spaltung.
Die Subjekt-Objekt-Spaltung setzt das erkennende Subjekt den Objekten der Welt als Pseudo-Objekt gegenüber. Sie geht davon aus, dass zwischen dem Pseudo-Objekt Subjekt und den übrigen Objekten ein so kategorialer Unterschied besteht, dass der Spalt zwischen beiden auch eschatologisch unüberbrückbar bleibt.
Dem entsprechend deutet sie auch das Prinzip der Wirklichkeit als Pseudo-Objekt, also als eine Gottesperson, deren Gunst man erwerben kann, indem man ihre Forderungen erfüllt.
Da die Gottesperson als Pseudo-Objekt aufgefasst wird, kommt auch ihr das bestimmende Attribut aller Objekte zu: Sie ist abgetrennt. Auch sie steht dem Rest der Wirklichkeit als abgesonderte Einheit gegenüber und wirkt aus ihrer entrückten Position heraus allenfalls von außen - also per Machtausübung - auf den Teil der Wirklichkeit ein, die auch die Menschen enthält, die sich mit ihr zu verbünden trachten.
Zur Erinnerung: zwei Facetten des Begriffs besonders
Ein Bündnis mit der postulierten Gottesperson erscheint dem Menschen aus zwei Gründen ratsam:
Da die allmächtige Gottesperson niemandem beweisbar zum interpersonellen Austausch begegnet ist und sich entsprechende Berichte in der Mythologie verlieren, könnten die Attribute, die ihr zugeschrieben werden, auch in den Himmel projizierte Elemente des Ich-Ideals derer sein, die daran glauben, sich selbst vor den Unbilden des Abgesondertseins retten zu können, wenn es ihnen gelänge, die eigene Besonderheit bis zur Allmacht zu steigern.
Der Weg des dualistischen Lösungsversuchs führt im Grundsatz nach außen. Wo sonst, als außerhalb seiner selbst, sollte der Antragsteller auf göttliche Hilfe seinen Adressaten finden? Wer den Versuch unternimmt, den existenziellen Trennungsschmerz zu lindern und gegen die faktischen Gefahren der Trennung Protektion von höchste Stelle zu erhalten, wendet sich in der Regel irdischen Vermittlern zu, die die Antragsgebühren festlegen und gegebenenfalls weiterleiten.
Ein großer Teil der Menschheit ist bereit, auf diese Weise Opfer zu erbringen. Bei den meisten führt das Bewusstsein, mit dem Opfer etwas von der eigenen Selbstherrlichkeit wegzugeben, zu einer heilsamen Korrektur ihres bis dahin überschießend egozentrischen Weltbilds. Wenn es keinen Gott gäbe, müsste man ihn erfinden. So hat es Voltaire gesagt. Auch ihm war bewusst, dass ein erhobener Zeigefinger Menschen vor der Hybris schützen kann; vor der eigenen als auch vor der Hybris anderer.
Wäre der Zeigefinger in der Lage, jeden, der ihn zu Gesicht bekommt, zu läutern, könnte man es dabei belassen. Allein: Das tut er nicht. Abgesehen von den vielen, die er nur beeindruckt, wenn ihm ein Knüppel folgt, steigert er die Überheblichkeit anderer sogar, statt sie mindern. Dem liegt ein psychologischer Mechanismus zugrunde: die Identifikation mit dem Aggressor.
Identifikation mit dem Aggressor
Der Finger, der erst aufzeigt, wird zum Teil einer Faust, die dann als Knüppel niederfährt. Das ist Aggression. Eingeschüchtert von der Übermacht, sucht so mancher Missetäter sein Heil in der Flucht nach vorn. Er gibt jeden Widerstand auf und identifiziert sich um so eifriger mit dem Aggressor, der ihm mit Strafe droht. Sobald er sich identifiziert hat, schreibt er sich die Berechtigung zu, seinerseits mit der gleichen Aggression gegen alle vorzugehen, die die Unterwerfung verweigern. Schließlich steht er nun ja im Bunde mit einer Gewalt, deren Anwendung per Definition berechtigt ist. Weil Macht und Recht für sie dasselbe sind. Diesem Mechanismus sind nicht erst seit alttestamentarischen Tagen Millionen Menschen zum Opfer gefallen.
Ungeachtet der widersprüchlichen Effekte der dualistischen Religion, gibt es auch ontologische und henologische Gründe, die in eine andere Richtung weisen; nicht nach außen, sondern nach innen.
Wir haben gesehen: Der Daseinsschmerz der Einzelexistenz, der stets in der Tiefe lauert und sich bei tausend Gelegenheiten in immer neuen Varianten zeigt, ist Folge des Getrenntseins von allem, was als konkretes Objekt etwas Besonderes ist. Wenn man sich nach außen wendet... Worauf wird man dort treffen? Man trifft auf die objektive Welt, deren Objektivität nichts anderes als aufgespaltene Getrenntheit ist, die sich in ungezählten Oberflächen offenbart. Wie sollte man dort eine Lösung finden, die mehr als oberflächlich ist.
Von je her hat das manchen Leuten eingeleuchtet. Versuche, sich vom Leid zu befreien, indem man sich nicht nach außen wendet, sondern nach innen, sind seit der Frühgeschichte der Menschheit dokumentiert. Was die ersten darüber berichtet haben, klang vielversprechend; was uns im Lichte der Logik ihres Ansatzes nicht wundert. Es hat die nächsten dazu ermutigt, es ihnen gleich zu tun.
Je mehr man nach innen blickt, desto mehr wird Konkretes, das als jeweils Besonderes zu erkennen ist, ausgeblendet.
Sobald sich die Lichtung des Bewusstseins von allen Inhalten entleert hat, die begrifflich erfasst und geteilt werden können, taucht nichts Besonderes mehr auf. Das Nicht-Besondere, das von Inhalten nun nicht mehr verdeckt wird, ragt über nichts hinaus, weil es in allem enthalten ist. Es ist das Eine, dem alles Zweite entspringt. Zweitem ist es unerkennbar. Zweites kann nur wissen, dass es aus Einem besteht. Das Eine ist das Absolute Selbst, das mit sich identisch ist.
Auch beim Versuch, das Leiden an der Existenz zu lindern, muss man sich nicht ausschließlich einer Methode verschreiben. Es ist zwar so, dass dualistische Religionen zuweilen beleidigt sind, wenn man mit einer alternativen Methode sein Glück versucht. Eifersucht zeigt hier jedoch an, dass der Eifersüchtige unreif ist und man sich nicht nach seinen Wünschen zu richten braucht.
Menschliche Entwicklungsprozesse sind keine Linien, die von A nach B zu ziehen sind. Sie mäandern durch die Wirklichkeit und es kann sein, dass ein Wanderer lange an einer Station hängen bleibt. Dann macht es Sinn, dass er sich auf die Möglichkeiten einlässt, die dort gegeben sind. Den Spatz in der Hand geringzuschätzen, weil man vom Gewinn der Taube so besessen ist, dass man nicht warten kann, wäre ebenso dumm wie der Versuch, ein schmerzendes Knie mit Mystik zu heilen, statt damit zum Arzt zu gehen.
Nicht alles Leiden muss an der Existenz behoben werden. Viele Leiden behebt man besser in der Existenz.