Tod geht auf das althochdeutsche Verb touwen = sterben zurück. Touwen bedeutete auch betäubt, bewusstlos werden. In betäubt steckt taub. In einer tauben Nuss ist kein Leben, das auskeimen könnte. Wer bewusstlos ist, nimmt am Leben nicht teil.
Gemeinsam wurzeln die Begriffe tot und taub im indoeuropäischen Stamm dheu- = wirbeln, rauchen, dampfen, in heftiger Bewegung sein. Dheu- wird auch Dunst zugeordnet. Eine englische Ableitung ist dust = Staub. Gemeinsames Merkmal von Dunst, Dampf, Rauch und Staub ist die Tatsache, dass darin keine festen Strukturen mehr erkennbar sind. Tod ist der unkenntliche Hintergrund, vor dem Leben als erkennbare Form erscheint. Er ist ein ruckartiger Wechsel, bei dem Strukturen taub werden, die bis dahin etwas fühlten oder wussten. Der Tod löst Formen im Dunst der Unerkennbarkeit auf und lässt sie zu Staub zerfallen.
Während der Tod Scheidepunkt ist, sind Leben und Sterben Prozesse. Dabei ist unklar, wann das Sterben beginnt. Üblicherweise wird auch dafür ein Zeitpunkt benannt: den, ab dem es zu einem Niedergang vitaler Funktionen kommt, der auf deren Ende hinausläuft. Genau betrachtet setzt der Niedergang aber schleichend ein, sodass man Leben und Sterben als Pole eines Kontinuums auffassen kann.
Sterben geht auf die indogermanische Wurzel [s]terǝ = starr, steif, hart zurück. Zu deren Sinnfeld gehören auch erstarren und starr sein. Tatsächlich kann man die Versteifung des Körpers, die alternde Menschen erleben, als Vorbote einer Erstarrung betrachten, die durch das Sterben zum Stillstand aller Prozesse führt. Leben ist Bewegung vor dem Hintergrund des Todes. Der Tod ist form- und zeitloser Hintergrund, vor dem das Leben jetzt aufscheint. Tod ist die Substanz, aus dem Leben besteht. Leben ist aus Tod geboren. Das Jetzt ist die Nahtstelle, an der Tod und Leben ineinander übergehen.
Die Frage, was jenseits des persönlichen Todes geschieht, hat die Menschheit von je her beschäftigt. Dazu hat sie gemäß ihren jeweiligen Wirklichkeitsdeutungen verschiedene metaphysische Vermutungen aufgestellt. Metaphysik heißt: jenseits der physikalisch beschreibbaren Wirklichkeit.
Während richtende Gottespersonen in den asiatischen Traditionen keine entscheidende Rolle spielen, sind sie im abrahamitischen Kulturkreis ausschlaggebend. Er wird daher auch als theistisch bezeichnet. Vom Theismus ist der Deismus abzugrenzen, der im Volksglauben nur eine geringe Bedeutung hat.
Zwei Gottesbilder
| Theismus | Deismus |
| Die Welt wird durch ein göttliches Prinzip verursacht. | |
| Gott greift persönlich ins Weltgeschehen ein. | Gott greift nicht ein. |
| Gott hat Propheten beauftragt. | Gott beauftragt keine Propheten. |
| Gott ist parteiisch. | Gott ist unparteiisch. |
Wer von einer göttlichen Ebene ausgeht, wird sich gemäß seinem Gottesbild verhalten.
Grundsätzlich gibt es drei Wirklichkeitskonzepte, die mit dem Tod in Verbindung stehen.
Egal, welche Variante man für richtig hält, steht jeder vor der Frage, welche Konsequenzen er daraus für das Leben zieht.
Für den, der davon ausgeht, dass es eine Seele gibt, deren Befindlichkeit jenseits des leiblichen Todes davon abhängt, wie er sich im Leben verhalten hat, gibt es eine klare Konsequenz: Es gilt, sich möglichst so zu verhalten, dass es der Seele im jenseitigen Leben zugutekommt. Da das Leben im Vergleich, zu dem, was nach ihm kommt, unbestreitbar kurz ist, macht es zudem Sinn, die Vertretung diesseitiger Interessen zurückzustellen, wenn zu erwarten ist, dass sie das jenseitige Wohl beeinträchtigen. Moralisch korrekt und tugendhaft zu sein, hat Priorität. Die Hypothese, dass das Leben der Bewährung dient, gibt ihm einen eindeutigen Sinn: für Schätze im Himmelreich oder ein gutes Karma zu sorgen.
Weniger eindeutig ist es, wenn man die Bewährungshypothese verwirft. Gibt es kein Jenseits oder ist das Ich so bedeutungslos, dass seine Qualität für die Verschmelzung mit einer jenseitigen Wirklichkeit keine nennenswerte Rolle spielt, gibt es kein eschatologisches Ziel, auf das sich das Verhalten ausrichten könnte. Als Konsequenz daraus ergeben sich zwei Haltungen, die man dem Leben gegenüber einnehmen kann:
Wie ich lebe, hat zwar keine Konsequenzen für das, was mich jenseits des Todes erwartet, die Qualität meines Lebens ist jedoch besser, wenn ich tugendhaft lebe. Da Tugenden Werkzeuge des Erfolges sind, tragen sie schon im Diesseits Früchte. Sie ermöglichen es, in Harmonie mit dem Umfeld zu leben. Sie steigern das Wohlbefinden, indem sie erfreuliche Ereignisse bahnen. Sie vermindern Leid, indem sie Probleme verhüten, zu denen es ohne sie käme.
Bewährung
Wer keinen Sinn im Leben sieht, ist nicht nur unglücklich, sondern kaum lebensfähig. So sah es Einstein. Wenn wir damit unzufrieden sind, den Sinn des Lebens in Genuss und Erfolg zu sehen, fällt es uns schwer, auf die Idee zu verzichten, im Leben könne man sich für etwas bewähren, das darüber hinausgeht. Entweder ist an der Idee etwas Wahres dran oder sie ein psychologisches Konstrukt, das uns das Leben mit all seiner Brutalität erst ertragen lässt.
Für die Natur ist das Individuum reines Werkzeug. Es ist dafür da, Gene zu übertragen. Interessant ist nun, dass das Leben zugleich eine Bewährungsprobe genau der Gene ist, die im Falle der bestandenen Prüfung ihrer Tauglichkeit tatsächlich an die nächste Inkarnation des Lebens übertragen werden.
Ob die Tauglichkeitsprüfung für das schiere Überleben, die die vormenschliche Natur betreibt, durch eine Tauglichkeitsprüfung ergänzt wird, die nicht nur der Übertragung von Erbinformationen auf der biologischen Ebene dient, sondern der Übertragung persönlicher Seelen in geistige Räume, bleibt eine Frage des Glaubens.
Der Tod will das Leben und das Leben will zurück zu sich selbst. Leben und Sterben sind eins. Eine Stunde, die man gelebt hat, ist eine Stunde, die vom Leben gestorben ist. Zum selbstbestimmten Leben gehört daher das selbstbestimmte Sterben und gegebenenfalls die Wahl der Stunde des Todes.
Der Sterbeprozess ist ein hochintimer Bereich der persönlichen Selbstbestimmungsbefugnis. Aus weltanschaulichen Gründen oder eigenen Ängsten heraus sind viele nicht bereit, die Intimität des individuellen Sterbeprozesses zu respektieren. Stattdessen fühlen sie sich ermächtigt, über den Kopf des Individuums hinweg zu entscheiden. Das ist ein Überbleibsel der Leibeigenschaft. Es passt zu einem feudalen Menschenbild.
Sterbebegleitung ist etwas anderes als Sterbebevormundung. Wer einen Sterbenden begleitet, versucht nicht, dessen Entscheidungen zu steuern. Er lässt sich vielmehr auf einen Dialog ein, bei dem er sich den Fragen des Sterbenden vorurteilsfrei öffnet und zugleich bereit ist, von ihm Wesentliches über das Leben zu erfahren.
Wird das Sterben nicht tabuisiert, kann die Kommunikation während des Sterbevorgangs in einer Weise vertieft werden, die vorher durch egozentrische Vorbehalte nicht möglich war.