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Seele und Gesundheit |
Gemäß ⇗ Transparency International ist Korruption der Missbrauch anvertrauter Macht zum privaten Vorteil. Mit anvertrauter Macht, ist hier jene gemeint, die Amtsinhabern in die Hände gelegt wird.
Bei Korruption (Lateinisch: corrumpere = bestechen, verderben) denkt man an Hinterzimmer, in denen Amtsinhaber ihre Macht missbrauchen und gegen Schmiergeld persönliche Interessen verfolgen. Zweifellos: Das ist Bestechlichkeit.
Im Regelfall denkt man, Korruption sei das Laster einer mächtigen Minderheit und man selbst Opfer finsterer Machenschaften, die fernab verdeckt vonstatten gehen. Zweifellos: So ist es auch.
Korruption beginnt jedoch keineswegs erst mit der Errichtung komplexer Gesellschaften, in denen einigen Macht anvertraut wird, um im Sinne aller zu handeln. Sie beginnt mit dem Einzelnen, der mit anderen um Vorteile ringt.
Macht anvertraut wird nämlich jedem: die Macht, zum privaten Vorteil zu handeln. Nicht von der Gesellschaft, aber vom Leben! Jeder hat die Wahl, ob er die Macht, die das Leben ihm anvertraut, bloß zum persönlichen Vorteil verwendet oder ob er zugleich Interessen berücksichtigt, die den unmittelbaren Horizont seiner Person überschreiten.
Zwei Formen anvertrauter Macht
| Administrativ | Existenziell |
| Von der Gemeinschaft an Amtsinhaber | Von der Wirklichkeit an den Einzelnen |
Den beiden Formen anvertrauter Macht sind entsprechende Formen korrupten Verhaltens zuzuordnen: administrative und existenzielle Korruption. Da Macht grundsätzlich missbraucht werden kann, ist es folgerichtig, von existenzieller Korruption zu sprechen, also vom Missbrauch jener Macht, die dem Einzelnen durch seine schiere Existenz in die Hände fällt.
Dass der Einzelne selektiv zum eigenen Vorteil handelt, erscheint uns so selbstverständlich, dass wir es kaum je in Frage stellen. Und in der Tat: Wie sollte es auch anders gehen? Das Ego ist zunächst kein Übel. Es ist eine notwendige Instanz der Evolution, mit deren Hilfe sie dafür sorgt, dass der Einzelne überhaupt überlebt. So heißt es schon bei Seneca: Weil Schutz aus der Nähe am besten wirkt, ist jeder sich selbst anvertraut.
Wenn wir den selektiven Gebrauch existenzieller Macht zum privaten Vorteil grundsätzlich als legitim erachten, bleibt die Frage, wann legitimer Gebrauch in korrupten, also verderblichen Missbrauch übergeht. Hier könnte man moralisch argumentieren.
Mit rein moralischen Maßstäben kommen wir nicht weit. Man kann zwar sagen: Der Mensch sollte gut sein und das Wohl anderer mitbedenken. Moralische Forderungen hängen aber von Zeitgeist und kulturellem Umfeld ab. Sie selbst sind Produkte existenzieller oder administrativer Macht. Nur wer die Macht dazu hat, kann sie zum Maßstab machen. Sie können somit legitim oder missbräuchlich sein. Aber wann ist was der Fall?
Bei Korruption geht es um illegitime Parteilichkeit. Um legitimen Machtgebrauch von illegitimem zu unterscheiden, hilft uns eine Instanz, die unverrückbar unparteiisch ist: die Wahrheit. Wahrheit gilt immer für alle. Tut sie es nicht, dann ist sie keine.
Oben haben wir gesehen, dass Korruption mit Geheimhaltung verbunden ist. Administrative Korruption findet in Hinterzimmern statt, um sie vor den Augen anderer zu verbergen. Geheimhaltung verstößt mutwillig gegen die Regeln der Wahrhaftigkeit. Auch der Missbrauch existenzieller Macht wird oft in voller Absicht geheim gehalten. Wer im Laden etwas mitgehen lässt, hängt das nicht an die große Glocke.
Aktive Geheimhaltung ist aber nur ein Mechanismus, der der Wahrheit das Recht entzieht, zwischen legitim und korrupt zu entscheiden. Der zweite findet noch mehr im Verborgenen statt, als der erste. Gemeint ist die Verdrängung.
Zwei Formen mangelnder Wahrhaftigkeit
| Geheimhaltung | Verdrängung |
Verdrängung ist ein komplexer Abwehrmechanismus, durch den die Psyche Inhalte, die sie grundsätzlich wahrnehmen und ins Bewusstsein übertragen könnte, bereits im Vorfeld zu ihrem Vorteil filtert und egozentrisch interpretiert. Da die Selektion egozentrisch ist und ihr Eingeständnis die Gemütlichkeit unseres Selbstwertgefühls bedroht, unterliegt auch sie weitgehend der Verdrängung. So kommt es, dass wir uns für redlicher halten, als es der Redlichkeit ohne die Verdrängung des Machtmissbrauchs, den wir vor uns selbst verbergen, möglich wäre.
Enthält man sich erneut der Versuchung, die Dinge moralisch zu betrachten, könnte man nun sagen: Na und! Menschen sind eben Gauner und der Korruption, der im großen Stile Amtsinhaber frönen, entspricht im Kleinen die des Kleinen Mannes, durch die er sich das Leben etwas leichter macht.
Etwas leichter macht... Ja, wenn es verlässlich denn so wäre! Corrumpere - wir erinnern uns - heißt auch verderben. Durch die ständige Auslegung der Dinge zu unserem privaten Vorteil verderben wir etwas: die Welt, in der wir leben. Das kann nicht zu unserem Vorteil sein. So ist das Endergebnis paradox: Wer wirklich selektiv zu seinem Vorteil handeln will, tut gut daran, es nicht zu tun.