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Seele und Gesundheit |
Dass sich eine Kultur ihrer Geschichte erinnert, ist ein wesentliches Element ihrer selbst. Dabei gehört es zu den Tugenden einer Kultur, sich nicht nur an ihre Verdienste zu erinnern, sondern auch an ihre Schandtaten. Die Erinnerung daran schützt sie vor der Gefahr eines nationalen Hochmuts, aus dem heraus neue Schandtaten zu befürchten wären. Ist das Ausmaß der Schandtaten besonders schrecklich, mag die Erinnerung sehr schmerzhaft sein. Sie ist jedoch umso wichtiger. Im Falle Deutschlands ist das so.
Die Erinnerungskultur, die Deutschland im Hinblick auf die Verbrechen des Dritten Reichs aus gutem Grunde aufrechterhält, ist jedoch in eine Verleugnungskultur eingebettet, sobald es sich nicht um geschichtliche Ereignisse des letzten Jahrhunderts handelt, sondern um einen Zeitraum, der bis zu den Anfängen der biblischen Mythenbildung zurückreicht.
Eine Kultur kann sich damit begnügen, sich die Exzesse ihrer moralischen Entgleisung wieder und wieder vor Augen zu führen, um sich selbst vor einem Rückfall zu warnen. Die Verbrechen, die Deutschland in besonderer Weise anzulasten sind, sind jedoch nicht auf kulturellem Brachland entstanden, sondern auf dem Boden der jüdisch-christlichen Kultur.
Die gezielte Ausrottung ganzer Völker gehört zum Themenrepertoire der biblischen Heilsgeschichte. Daher ist der Begriff Verleugnungskultur relevant. Wer die Bibel, statt mit der Bereitschaft zu frommer Verklärung, mit intellektueller Redlichkeit liest, erkennt auf Anhieb zweierlei:
Die Erinnerungskultur verweist auf die entsetzlichen Folgen des Antisemitismus, aber sie sträubt sich gegen die Erkenntnis, was ihn verursacht hat. Die Ursache des Antisemitismus liegt in einer Verleugnungskultur, die seine Ursache nicht wahrhaben will.
Es wäre wünschenswert, dass die bislang gepflegte Erinnerungskultur durch Aufgabe der Verleugnungskultur in eine umfassende Erkenntniskultur erweitert wird. Eine Erkenntniskultur, die nicht nur Gut und Böse immer wieder gegenüberstellt, sondern sieht, in welcher Tragik beide miteinander verstrickt sein können, böte mehr Schutz vor der Dummheit eines neuen Antisemitismus, als die stereotype Erinnerung an dessen schrecklichste Exzesse. Nachhaltig verstehen, was Gut und Böse ausmacht, kann nur, wer das 3000 Jahre alte Tabu, vom Baum der Erkenntnis zu essen, überschreitet.