Dominanzansprüche


Wir wissen, dass das Ego dazu neigt, Dominanzansprüche zu erheben, die das Zusammenleben erschweren. Das Problem liegt aber nicht allein dort, wo der Anspruch gegenüber anderen erhoben wird, sondern schon da, wo das Ego vom Selbst verlangt, sich zu beugen.

In der eigenen Seele sind auch die meist Diktatoren, die nach außen hin friedlich tun. Zu trauen ist einem solchen Frieden nicht.

Wer friedlich werden will, muss sich selbst als widersprüchlich akzeptieren.

Siegmund Freud: Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, Wien 1933

Freud gab die Devise aus: Wo Es war, soll Ich werden. Hintergrund war die Erkenntnis der Psychoanalyse, dass das Ich unter ungelösten Zielkonflikten leidet, die im Es verankert sind und das Glück des Ichs aus dem Unbewussten heraus trüben. Indem das Ich sich die Konflikte bewusst macht, wird es fähig, sie zu lösen und sein Schicksal in eine bessere Zukunft zu lenken. Der Vorsatz ist berechtigt und gut. Wenn das Ich die Verantwortung übernimmt, kann es Entscheidungen treffen, die zu seinem Wohle führen.

Das Ich, dem der Mensch zutraut, alles zu seinem Besten zu regeln, hat jedoch eine Vorgeschichte: Es stammt vom Affenfelsen. Dort kam der Frage, wer der Stärkste ist, weit mehr Bedeutung zu, als der, wer die meiste Weisheit hat. Sobald es an den Drücker kommt, neigt das Ich daher dazu, sich wie Bonzo zu verhalten, der als Alpha-Tier eifersüchtig überwacht, ob sich in seinem Machtbereich etwas zusammenbraut, was seine Dominanz infrage stellen könnte.

Ebenso wenig wie Bonzo den Affenfelsen allein bewohnt, ist das Ich alleiniger Insasse des Bewusstseins. Vielmehr tummeln sich dort Elemente, die keineswegs vom Ich allein erschaffen wurden und daher nahtlos seiner Kontrolle unterlägen: Schmerz, Angst, Trauer, Langeweile, Neid, Eifersucht, das Wissen um unliebsame Wahrheiten aller Art oder die Sorge, von anderen kritisch beurteilt zu werden. Um nur einige zu nennen. All diese Mitbewohner neigen dazu, Bonzos autokratischen Ehrgeiz nur eingeschränkt zu akzeptieren. Auch wenn sie zu Bonzos Selbst gehören und daher mit seinem Ich in verwickelter Verbindung stehen, führen sie ein Eigenleben, das Bonzos Wünschen widerspricht.

Die Strategie, die das Ich aus der Affenära im Umgang mit widerspenstigen Elementen mitgebracht hat, ist simpel. Auf der Ebene des Bewusstseins orientiert es sich an Bonzos Erbe.

Erbe der Vergangenheit

Bonzo Das Ego
  • Schüchtere Widersacher ein!
  • Verjage jeden, der sich nicht beugen will!
  • Sorge dafür, dass du allein bestimmst!
  • Verdränge, was dich in Frage stellt!
  • Verleugne, was du nicht verdrängen kannst!
  • Betäube, was dich sonst noch stört!

Das Ego ist die Erscheinungsform des Ichs, die sich als separate Instanz versteht. Da es sich im Konflikt mit den Nicht-Ich sieht, pocht es autokratisch auf innere Geschlossenheit. Opposition ist unerwünscht.

Es stimmt schon: Bonzo will, dass es ihm gut geht und wenn er über sich selbst bestimmen könnte, stünden die Chancen nicht schlecht. Also fürchtet er alles, was ihm die Selbstbestimmung streitig zu machen scheint. Wie soll es ihm aber gut gehen, wenn er den Staat, in dem er sich sonnen will, aus Furcht vor Machtverlust in Angst und Schrecken versetzt?

In der Theorie ist die Lösung einfach: Das Ich müsste so weise sein, auch jene Elemente, die ihm nicht auf Anhieb schmeicheln, als Teile seiner selbst anzunehmen. In der Praxis ist das schwer. Es erfordert volles Selbstvertrauen. Und wer hat das schon?