Bemerkungen zu verschiedenen Themen



November 2022
Vorurteile

Vorurteile haben einen schlechten Ruf: einerseits zu Recht. Andererseits wird übersehen, dass man ohne Vorurteile im Leben kaum zurechtkäme. Vorurteile sind Hypothesen, die die Orientierung im Leben erleichtern. Dass alles, was wie ein Apfel aussieht, auch ein Apfel ist und wie ein solcher schmeckt, ist ein Vorurteil. Es könnte auch eine Quitte sein oder eine Leckerei aus Marzipan. Trotzdem geht die spontane Einordnung apfelähnlicher Strukturen in die Kategorie der Äpfel in der Regel an der Wahrheit nicht ganz vorbei. Würde man vor jedem Apfelkauf im Supermarkt auf praktikable Vorurteile verzichten und das Obst erst dann in den Einkaufswagen legen nachdem man die Entscheidung durch eine wissenschaftliche Analyse seiner Erbsubstanz gegenüber jedem Zweifel abgesichert hat, könnte man bereits vor Bezahlung der Einkäufe verhungert sein.

Pianisten und Fußballprofis sind weder Äpfel noch Quitten. Trotzdem sind Vorurteile beiden Berufsgruppen gegenüber weit verbreitet. Die meisten Menschen haben Vorstellungen über Pianisten und Fußballer im Kopf, die sich spürbar unterscheiden und die bei der Begegnung mit einem Vertreter seiner jeweiligen Gruppe als Vorurteile wirksam werden. Oder glauben Sie etwa, dass ein Handelsvertreter beim Vertrieb von Notenblättern in gleicher Weise bei Pianisten und Fußballern vorspricht, um dem Vorwurf, er diskriminiere gesellschaftliche Gruppen, grundsätzlich aus dem Weg zu gehen? Was schließen wir daraus? Vorurteile sind im Sinne einer erfolgreichen Lebensführung sinnvoll anzuwenden.

Berechtigte Vorurteile bestehen aber nicht nur gegenüber Pianisten und Fußballern. Sie bestehen auch gegenüber Mitarbeitern beim Patentamt. Das Vorurteil, dass sich solche Leute eher mit gesetzlichen Vorschriften als mit entsetzlich schwer vorstellbaren Naturgesetzen befassen, kann im alltäglichen Umgang getrost angewendet werden. Allerdings wäre es ein unberechtigtes Vorurteil zu glauben, dass das berechtige Vorurteil immer berechtigt wäre. Der Patentamt-Sachbearbeiter Einstein hat nicht nur das bewiesen, sondern auch die Tatsache, dass wir auf der Suche nach der Wahrheit über das meiste hinausgehen müssen, was wir bisher für wahr gehalten haben.

Zahlen und Ebenen

Die Welt ist die duale Ebene der Wirklichkeit. Sie ist nachgeordnet, weil die Zwei nach der Eins kommt. Die Zwei kommt aber nur auf der dualen Ebene nach der Eins. Auf der non-dualen ist sie in der Eins enthalten.

Künste

Kleine Kunst schmeichelt dem Ego des Künstlers. Große Kunst stellt Wirklichkeit dar. Sehr große Kunst sprengt die Vorstellung, dass die Wirklichkeit dargestellt werden kann.

Bedeutung

Die Person, also das relative Selbst, befindet sich in der Raumzeit. Die Raumzeit befindet sich im absoluten Selbst. Wenn das so ist, erklärt es, warum das Leben des Einzelnen Bedeutung hat, obwohl seine Bedeutung in der Raumzeit gegen Null geht.

Religion

Jeder Mensch sollte seinen eigenen Weg gehen. Gott hat die Vielfalt nicht geschaffen, damit der Mensch sie zu einer Marschkolonne reduziert. Das gilt für das ganze Leben. In religiösen Dingen gilt es erst recht.

Es gehört zur Freiheit des Individuums, sich einer Marschkolonne anzuschließen; oder ihr treu zu bleiben, wenn es von anderen darin eingegliedert wurde. Ein Individuum, das seinem Wesen tatsächlich entsprechen will, tut jedoch gut daran, über jedes Denksystem hinauszugehen, das ihm vorschreiben will, welchen Weg es zu gehen hat.

Der Weg des Einzelnen zum Einen ist ein Wagnis. Bloß weil man sich einer Mythologie verschreibt, die eine Gruppe definiert, gelingt er nicht. Zur Wirklichkeit gelangt, wer die Wirklichkeit anerkennt, statt im Schutz eines Glaubens zu verbleiben, der sie durch eine Mythologie ersetzt. Da es immer genügend Menschen geben wird, die scheinbare Sicherheit wahrem Wagnis vorziehen, brauchen die Mythologien nicht zu fürchten, dass ihnen die Anhänger ausgehen. Die Zugehörigkeit zu einer Glaubensgruppe vergibt soziale Sicherheit. Religiöse Sicherheit vergibt sie nicht.

Leben

Ein Partikel lebt, wenn er eine Dynamik beinhaltet, die darauf abzielt, sich entgegen widriger Umstände selbst zu erhalten.

Oktober 2022
Politik und Religion

Machtausübung ist der Versuch, über andere zu bestimmen. Machtansprüche richten sich auf diesseitige Elemente aus; regelmäßig auf andere Personen oder ganze Völker. Machtansprüche sind grundsätzlich politisch. Tatsächliche Religion ist spirituell. Spiritualität befasst sich nicht mit diesseitigen Strukturen, sondern mit der jenseitigen Einheit, also dem, was der polaren Erscheinungswelt jenseits ihrer selbst zugrunde liegt. "Religion", die Macht ausübt, ist keine Religion. Sie ist pseudoreligiös maskierte Politik. Jeder, der sich schwach fühlt, will über andere bestimmen, solange er seine Schwäche nicht als Teil des eigenen Wesens akzeptiert.

Pseudoreligiös maskierte Politik markiert sich mit dem Gottesetikett. Sie behauptet, ihr Anspruch, über andere zu bestimmen, sei ein göttlicher Auftrag. Einen Beweis für ihre Behauptung legt sie niemals vor.

Die Behauptung, von irgendeinem Propheten verkündet und folglich einem Gott legitimiert worden zu sein, gilt üblicherweise als Berechtigung dafür, die jeweilige Wirklichkeitsdeutung des Glaubens und seinen Machtanspruch als "Religion" zu bezeichnen. Das kann nur ein Irrweg sein. Lässt man die Berechtigung gelten, muss man in der Folge jeden politischen Anspruch, deren Anhänger sich ohne Beweis auf Gott berufen als religiös anerkennen... und ihm das Privileg der Religionsfreiheit zusprechen.

Bestimmten Glaubensbekenntnisse das Privileg zuzuordnen, sich als religiös zu bezeichnen, anderen aber nicht, ist eine politische Konvention, die genau den Machtsstrukturen entspringt, die durch die Machtansprüche der Glaubensbekenntnisse mitbestimmt werden.

Wie legitimiert eine Konfession ihren Machtanspruch? Indem sie sagt: Dass mein Machtanspruch berechtigt ist, wird durch die Tatsache bewiesen, dass ich daran glaube, das er berechtigt ist. Die Rechtmäßigkeit einer Behauptung wird angeblich durch die Tatsache belegt, dass die Behauptung überhaupt erhoben wird.

Jeder und alle

Ich wollte nie so werden wie der oder die. Das ist ein Vorsatz, der vielen bekannt vorkommt. Tatsächlich ist jeder aber auch so ähnlich, wie alle anderen. Partout nichts mit dem gemein haben zu wollen, den man ablehnt, ist daher ein Ding der Unmöglichkeit. Es zu versuchen, führt dazu, dass man sich selbst nicht vollständig annehmen kann. Tun Sie sich das nicht an. Denken Sie an einen Menschen, den Sie missbilligen oder gar verachten. Machen Sie sich klar: Ich bin so ähnlich wie er.

Unersättlichkeit

Man kann das Ego dafür schelten, dass es schier unersättlich ist und immer größer werden will. Vielleicht ist seine Unersättlichkeit aber nicht nur ein Beleg seiner Eitelkeit, sondern auch die Triebfeder dafür, dass es eines Tages über das Große hinweg und im Absoluten aufgehen will.

Sein und Nicht-sein

Das Absolute liegt jenseits von Sein und Nicht-sein. Das Sein ist bereits Pol und Gegensatz zum Nicht-sein. Das Absolute geht dem voraus, was es sein kann. Sein und Nicht-Sein sind insofern dasselbe, als sie Erscheinungsformen des absoluten Selbst sind. Damit etwas sein kann, muss etwas abgezogen werden. Nichts kann sein, ohne dass etwas anderes nicht ist.

Betrachten wir eine Skulptur. Eine bestimmte Skulptur existiert nur, wenn all das vom Rohling entfernt wurde, was nicht da sein darf, damit die Skulptur in Erscheinung tritt. Gleiches gilt für farbiges Licht. Eine Farbe tritt nur in Erscheinung, wenn die komplementären Wellenlängen darin fehlen.

Dualismen

Das Absolute ist die Matrix aus der das Relative auftaucht. Relativ, nämlich bezogen auf sein Gegenteil, ist alles Duale. Primäre Dualismen sind z. B.:
Wer oder was

Wer ich bin, ist klar, aber nicht wesentlich. Als Wer bin ich die Person, die mit diesem Körper bestückt auf der Bühne des Lebens zugange ist. Was mehr zählt ist, was ich bin. Was ich bin, liegt jenseits von dem, der ich bin. Der Der ist nur ein Fall. Das Was ist grundsätzlicher.

Vorsätze

Es ist erstaunlich, wie oft selbst die besten Vorsätze scheitern. Das liegt an einer Verkennung der Wirklichkeit. Vorsätze sind Versuche des Egos, die Macht zu übernehmen. Das Ego sagt durch seinen Vorsatz: Ich bestimme, was morgen sein wird. Es macht aber nur wenig Sinn, nach Macht zu greifen, solange man seine Ohnmacht übersieht. Was man übersieht, darüber kann man stolpern.

Glück

Glück ist ein Leben im Einklang mit der Bedeutung, die man hat. In der Regel messen wir unserer Person eine Bedeutung zu, die ihr objektiv betrachtet nicht zukommt. Wir machen uns wichtig, um der Gefahr zu entgehen, als Unwichtiges von der Wirklichkeit übergangen zu werden. Wir leben egozentrisch. Das führt zu einem chronischen Konflikt mit der Wirklichkeit, der uns daran hindert, mit ihr übereinzustimmen.

Tatsächlich kommt alle Bedeutung der Wahrheit zu. Bedeutung hat das, was in Wirklichkeit so ist, wie es ist. Dass dem Individuum weniger Bedeutung zukommt, als es selbst in der Regel glaubt, heißt nicht, dass es keine hätte. Seine tatsächliche Bedeutung verweist aber nicht auf den persönlichen Rang, den es für sich erstreitet, sondern entspricht der Wahrheit, die es erkennt und bezeugt. Wenn es Wahrheit erkennt und sie als sein Selbst bezeugt, kann es glücklich sein.

Vorstellungen können mehr oder weniger der Wahrheit entsprechen. Eine Vorstellung, die nicht für alle gut ist, ist für alle schlecht. Richtige Vorstellungen führen zum Glück, falsche in den Untergang.

Gefahrenabwehr

Das Leben ist gefährlich. Wenn man nichts dagegen unternimmt, wird man in kürzester Zeit aus der Welt entfernt. Kein Wunder, dass der Mensch sich fürchtet. Die Hauptaktivität des Menschen besteht daher daraus, etwas zu tun, um künftigen Schaden zu verhindern. Man versucht, die Wirklichkeit zum eigenen Vorteil zu beeinflussen. Bei der Einflussnahme auf die äußere Wirklichkeit stehen dabei drei Varianten im Vordergrund:

Das Bemühen um die Beeinflussung der Außenwelt geht bei vielen Menschen so weit, dass es fast ihre gesamte Aufmerksamkeit absorbiert. Im Grundsatz macht es Sinn, einen Teil der Aufmerksamkeit darauf zu verwenden, die Außenwelt - insbesondere Bezugspersonen - zu beeinflussen. In der Regel wird aber zum Nachteil aller stark übertrieben. Viele Versuche, Einfluss zu nehmen, sind untauglich oder schädlich.

Fragen Sie sich, warum Sie einem anderen dies oder das erzählen. Sie werden sehen, wie oft Sie versuchen, andere auf verdeckte Weise zu steuern. Das muss nicht sein. Bleiben Sie bei sich. Erleben Sie die Angst, die Sie vor dem Leben haben. Nur so können Sie die Angst wirklich überwinden.

Erkenne Dich selbst
Alle Unruhe geht vom Impuls aus, in die Wirklichkeit einzugreifen. Dabei handelt es sich entweder um Eingriffe in die äußere oder in die innere Wirklichkeit. Eingriffe in die innere Wirklichkeit, also das persönliche Sosein, entspringen der Furcht, nicht zu genügen, wenn man so ist, wie man ist. Um die Unruhe hinter sich zu lassen, gilt es, in die Position des absoluten Beobachters zu wechseln. Der Beobachter unterlässt alle Versuche, etwas zu bewirken. Sein Wesen besteht darin, zu erkennen, was ist.
Subjekt

Das persönliche Ich, also das relative Selbst, ist in ein dynamisches Erfahrungsfeld ausgesetzt, in dem sein Bestand ständig infrage gestellt wird. Daher kennt es Angst, Gier und Hass.

Das absolute Selbst kann sich nichts einverleiben, weil ihm bereits alles angehört. Da ihm alles angehört, wird es durch nichts bedroht. Da es durch nichts bedroht wird, wird es weder von Angst, Gier noch Hass bestimmt. Es erfährt solche Qualitäten nur soweit es sich mit einem relativen Subjekt identifiziert. Das persönliche Ich kann das Wesen des absoluten Selbst nur soweit erkennen, wie es die Identifikation mit sich selbst aufhebt und dadurch Angst, Hass und Begierde hinter sich lässt.

Da das persönliche Ich als solches ständiger Bedrohung ausgesetzt ist, hat es ein instinktives Misstrauen gegen alles, was es nicht ist. Solange es davon ausgeht, nicht absolutes Selbst zu sein, misstraut es auch diesem. Die dualistische Weltsicht, von der das persönliche Ich primär ausgeht, verhindert, dass es sich seinem wahren Selbst anvertraut. In der Meditation verhindert das Misstrauen die endgültige Vertiefung.

Schlaf

Schlafen heißt vertrauen. Wer schläft, vertraut darauf, dass um ihn herum nichts vorgeht, was er zu fürchten hätte. Wach sein heißt wachsam sein. Wer wach ist statt zu schlafen, hält nach Gefahren Ausschau, die er im Auge zu behalten versucht. Eine dieser Gefahren kann es auch sein, etwas Begehrenswertes zu verpassen.

Schlaf - zumindestes Tiefschlaf - ist ein zeitloser Zustand. Zeitlich gesehen folgt das, was im Moment des Aufwachens geschieht dem, was im Moment des Einschlafens geschieht, unmittelbar. Widerstrebt man dem, was morgen zu erwarten ist, kann es sein, dass man nachts wachliegt, um sich durch eine erlebte Zeitspanne zum Unerwünschten auf Distanz zu bringen.

Religion

Der Wesenskern der Religion ist die Rückkehr in einen prä-existenten Zustand. Existenz ist das Hinausragen in ein polares Erfahrungsfeld. Dort begegnet der Existierende als egozentrierte Partei Elementen, die er dem Nicht-Ich zurechnet. Als Partei versucht er, auf diese Elemente im eigenen Interesse einzuwirken. Durch die absichtliche Einwirkung auf anderes wird das Ich in seine Abspaltung vom Ganzen fixiert. Religion versucht, die Abspaltung vom Ganzen aufzuheben. Wäre das Absolute Partei, wäre es nicht absolut.

Groß und klein

Die Unterscheidung zwischen groß und klein ist eine Verkennung des Unbedingten. Das Unbedingte liegt Großem zugrunde und geht daher darüber hinaus. Die Formel Gott ist groß verkennt das Absolute, weil sie vom Großen das Kleine abtrennt und damit beides verkleinert. Besser als das Unbedingte für groß zu halten, ist seine Präsenz anzuerkennen. Zur Anerkennung der Präsenz des Unbedingten führt kein Wissen über das Absolute, sondern die Erkenntnis des wahren Wesens des Bedingten. Wer das Bedingte als das annimmt, was es ist, hat das Unbedingte so anerkannt, dass es ihn davor schützt, sich zu verirren.

Gut und Böse

Es macht keinen Sinn, das Böse zu hassen, weil man durch Hass selbst zu Bösem wird. Gutes und Böses gehen beide aus dem Absoluten hervor. Das Böse kann als Mittel des Absoluten verstanden werden. Dank des Bösen haben wir die Chance, uns von ihm zu unterscheiden und damit zu Gutem zu werden. Als Ausdruck des Absoluten unterliegt das Böse nicht unserer Gerichtsbarkeit.

Person und Wahrheit

Die Person ist ein biologisches Programm, das darauf ausgerichtet ist, egozentrisch zu sein. Daher entscheidet sich die Person gegen die Wahrheit, sobald sie glaubt, es sei zu ihrem Vorteil. Nur wer erkennt, dass es zu seinem Vorteil ist, seinen persönlichen Vorteil in den Hintergrund zu stellen, hat eine Chance, frei zu wählen und über den Horizont seiner persönlichen Interessen hinauszugehen.

Persönliches Wohlbefinden

Warum wird der Mensch nicht glücklich, wenn er sich ausschließlich um sein persönliches Glück sorgt? Weil die einzelne Person zu unwichtig ist, als dass sie in der Besorgung des Unwichtigen Erfüllung finden könnte. Nur wenn das Streben über die eigene Person hinausgeht, kann die Person mit der Wirklichkeit im Reinen sein.

September 2022
Gutmenschen und gute Menschen

Was den Gutmenschen vom guten Menschen unterscheidet ist der Vorsatz, vor sich und anderen als gut zu gelten. Gewiss: Auch dem guten Menschen gefällt es, als gut zu gelten. Beim ihm bestimmt das Bedürfnis aber nicht das, was er tut. Er ist nicht vorsätzlich gut, sondern beiläufig. Sich als etwas Gutes zu betrachten, steigert das Selbstwertgefühl. Daher hat der Vorsatz, gut zu sein, eine narzisstische Komponente. Beim Gutmenschen dient der Vorsatz, gut zu sein, dem Ausgleich von Selbstwertzweifeln. Als Guter fühlt er sich den Schlechten moralisch überlegen.

Gut zu sein heißt Teil zu sein. Gut zu sein heißt ein Teil zu sein, der zu dem Gegenüber passt, vom dem aus er als gut beurteilt wird.

Zur Gemeinschaft zu passen, in der man lebt, hat Vorteile. Es vermindert Konflikte und damit Angst. Dem Guten macht es die Gemeinschaft leichter, dem Unguten setzt sie Widerstand entgegegen. Als gut zu gelten, hat also nicht nur narzisstische, sondern auch soziale und damit handfeste Vorteile. Es erfüllt das Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Der Vorsatz, als gut zu gelten, hat damit auch eine egoistische Komponente.

Der gute Mensch passt zu dem, was er ist; auch dann, wenn er dem Umfeld als unpassend erscheint. Der gute Mensch sagt, was er denkt; auch dann, wenn es nicht zum Konsens des Umfeldes passt. Der Gutmensch versucht sich passend zu machen, weil ihm der Mut fehlt, unpassend zu sein. Er wird vom Bedürfnis nach Zugehörigkeit beherrscht.

Zivilisatorisches Defizit

Abweichende Meinungen anderer werden oft als bedrohlich empfunden. In der Tat: Wenn jemand die Dinge anders sieht als ich, könnte er aus dieser Sichtweise heraus etwas tun, was nicht in meinem Interesse ist. Was liegt also näher, als die Meinung des anderen anzugreifen um sie nach Gutdünken der eigenen anzupassen? Das ist übergriffig und führt meist zu einer Eskalation der Konflikte. Statt sich ungebetenerweise an der Meinung des anderen zu vergreifen, ist es besser, sie als dessen Eigentum zu betrachten und ihr den Respekt entgegenzubringen, der persönlichem Eigentum in zivilisierten Gesellschaften üblicherweise gezollt wird.

Das Eigentum des anderen hat die Aufgabe, dem anderen zu dienen. Sobald ich verlange, dass die Meinung des anderen nicht seinen, sondern meinen Zwecken dient, verhalte ich mich wie ein Räuber, der dem anderen seinen Mantel stehlen will.

Zivilisation

Wie kann man den Begriff Zivilisation definieren? Bei einer Zivilisation handelt es sich um das soziale Gefüge einer großen Zahl von Individuen, die durch ihre spezifischen Interaktionen eine jeweils spezifische Kultur hervorbringen. Soziale Gefüge mit spezifischen Interaktionsmustern sind aber auch Wolfsrudel, Affenhorden, Termitenhügel und Wespennester. Trotzdem zögern wir, solche Sozialstrukturen bereits als Zivilisationen zu betrachten. Mit gutem Grund: Was den genannten Sozialstrukturen des Tierreichs nämlich fehlt, ist der Respekt vor dem Individuum. Im Umkehrschluss heißt das: Je weniger Respekt eine Kultur dem Individuum entgegenbringt und je mehr Druck sie auf es ausübt, sich an austauschbare gesellschaftliche Normen anzupassen, desto unzivilisierter ist sie.