Nachträgliche Bemerkungen


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15.4.2021

Im Laufe der nächsten Jahre wird diese Seite kontinuierlich erweitert.

Stand

2.5.2021

Seele und Gesundheit wird seit 2007 kontinuierlich fortentwickelt. Zwischenzeitlich liegen die Texte, die bis März 2021 verfasst wurden, auch in Buchform vor. Bislang wurden die bestehenden Kapitel zyklisch überarbeitet und ergänzt. Zwei Umstände sprechen dafür, von diesem Prinzip abzuweichen.

  1. Während ein Text online problemlos zu verändern ist, geht das bei Büchern nur mit großem Aufwand. Würde man die ins Printmedium übertragenen Texte nach dem bisherigen Schema fortentwickeln, entstünden zwischen Buch- und Onlinefassung wachsende Unterschiede. Buchkäufern gegenüber wäre das unfair.

  2. Die Texte sind umfangreich geworden. Neue oder vertiefte Erkenntnisse so zu platzieren, dass sie sich harmonisch in den Textkörper einfügen, wird immer komplizierter. Das Problem kann umgangen werden, indem man die bisherigen Texte so belässt, wie sie sind, und ihre Themen gegebenenfalls neu aufgreift. Das wird auf dieser Seite umgesetzt. Die Gliederung erfolgt dabei alphabetisch.

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A

Abhängigkeit

Die Abhängigkeit von der Bestätigung durch andere ist ein mächtiger Hemmschuh bei der Gestaltung eines selbstbestimmten Lebens. Abhängigkeit ist eine problematische Entgleisung des Bedürfnisses nach Zugehörigkeit.

Wohl jeder, der sein Verhalten achtsam beobachtet, entdeckt Tendenzen in sich, sein Verhalten mit den Erwartungen des Umfelds abzugleichen. Das ist im Grundsatz nicht falsch. Es steigert die Gemeinsamkeit. Der abhängige Mensch ist jedoch so von seinem Bedürfnis nach Zugehörigkeit beherrscht, dass er selbstbestimmte Entscheidungen, die keine Bestätigung im Umfeld finden, grundsätzlich vermeidet. Bevor er etwas tut, will er sicher sein, dass er es den anderen recht macht. Das hindert ihn daran, bei Bedarf auch gegen den Willen anderer zu tun, was ihm tatsächlich guttut.

Abhängige Muster sind weit verbreitet. Das wären sie nicht, wenn sie keine Vorteile böten. Ihr Vorteil liegt in gesteigerter Sicherheit. Wer vor einer Entscheidung prüft, ob sie konsensfähig ist, gewinnt Sicherheit auf zweierlei Art:

  1. Er mindert die Gefahr, es sich mit anderen zu verderben.
  2. Er nutzt die Lebenserfahrung anderer und senkt damit das Risiko, einsame Entscheidungen zu treffen, die er später bereuen würde.

Niedrig dosiert ist von abhängigen Mustern so viel Nutzen zu erwarten, dass der Schaden gegebenenfalls vernachlässigt werden kann. Allzu oft ist die Angst vor den Risiken selbstbestimmter Entscheidungen aber so mächtig, dass man den Abgleich übertreibt.

Im Umgang mit der Abhängigkeit sind zwei problematische Muster festzustellen:

Das Heilmittel für beide Probleme heißt Selbsterkenntnis:

Angst & Aggression

Aggression dient der Abwehr existenzieller Gefahren. Sie kann offensiv oder defensiv sein. Aggression hat aber auch psychologische Funktionen. Sie dient der Abwehr von Angst. Angst zu haben ist unangenehm. Wütend zu sein, vermittelt dem Ich ein Gefühl der Stärke. Indem es wütend wird, nimmt das Ich seine Waffen in die Hand. Bewaffnet fühlt es sich wehrhaft. Es wähnt sich in der Lage zu sein, die Ursachen der Angst zu beseitigen. Der Mechanismus kann dazu führen, dass Individuen ständig nach Aspekten der Wirklichkeit Ausschau halten, die Argumente dafür liefern, wütend zu werden. Der chronisch Wütende fühlt sich in der Wut zu Hause.

Der Mechanismus hat jedoch paradoxe Effekte. Wer der Welt kampfbereit gegenübertritt, bewirkt, dass die Welt sich vor ihm fürchtet und ihm, falls die Furcht nicht übermächtig ist, Widerstand leistet. So schließt sich ein Kreislauf. Wer zu viel Aggression zur Abwehr seiner Angst verwendet, verstärkt Bedingungen, die die Angst begründen.

Anatta / Anatman

Anatta (Pali - अनत्त) bzw. Anatman (Sanskrit अनात्मन्) ist gemäß der buddhistischen Ontologie eines der drei Wesensmerkmale der Wirklichkeit. Die beiden anderen sind Anicca und Dukkha. Anicca kann als Vergänglichkeit, Dukkha als Leid übersetzt werden. Gemäß dem Buddhismus sind alle Erscheinungen vergänglich, leidbehaftet und ichleer. Diese Sichtweise vollständig zu verinnerlichen, entspricht der Verwirklichung des Nibbana, eines Zustandes der völligen Befreiung vom Leid.

Die Vorsilbe An- verneint. Atman bzw. Atta heißt Einzelseele, individuelles Ich. An-Atman heißt kein individuelles Ich. Der Buddhismus betont, dass es keine individuelle Einzelseele gibt. Anatta wird daher auch durch den Begriff Ichlosigkeit übersetzt.

Der Begriff Ich kann auf zweierlei Art verstanden werden.

Die separate Instanz, die davon ausgeht, dass ihr Wesen von anderem kategorisch abgegrenzt werden kann, kann als Person bzw. relatives Selbst bezeichnet werden. Die erkennende Instanz entspricht dem absoluten Selbst, das das eine Selbst aller Erscheinungen ist.

Unterscheidet man begrifflich zwischen den beiden Definitionen des Ich, wird das Konzept des Anatta verstehbar. Ein separates Ich, das unabhängig vom Nicht-Ich existieren würde, gibt es nicht. Das persönliche Ich erscheint nur als ein relatives Gegenüber des Nicht-Ich. Es wird ebenso vom Nicht-Ich mitbestimmt wie es selbst Einfluss auf das Nicht-Ich hat.

Das absolute Selbst verweist auf das Erkannte; und zwar nicht in einem konkurrierenden Sinne, sodass es Ich und Nicht-Ich als jeweils unabhängige Einheiten auffasst, die miteinander rivalisieren. Es ist Erkennen an sich. Ichlosigkeit heißt, dass das persönliche Ich nicht mit seinem Selbst identisch ist. Das persönliche Ich entsteht aus absolutem Selbst. Das absolute Selbst des Ich besteht aber nicht aus der Person.

Auf dem Weg zur Befreiung vom Leid, gilt es zu erkennen: Ich bin nicht das, als was ich erscheine. Ich bin das, was die Erscheinung hervorbringt.

Anicca / Anitya

Anicca (Pali - अनिच्चा) bzw. Anitya (Sanskrit - अनित्य) gehört zu den drei Wesensmerkmalen der Wirklichkeit gemäß buddhistischer Ontologie. Auch hier findet man die Vorsilbe An-, die eine Verneinung ausdrückt. Nicca bzw. nitya heißt fortgesetzt, immerwährend. Anicca heißt nicht-fortgesetzt, also vergänglich.

Da alle Objekte der Wirklichkeit vergänglich sind, ist jeder, der sein Glück in der Bindung zu Objekten sucht, dazu verurteilt, den Verlust seines Glücks zu erleben; oder es nie zu erreichen. Das gilt insbesondere für die Bindung an das persönliche Ich, also die Identifikation mit der eigenen Person; aber auch für die Bindung an alles, was als begehrenswertes Objekt empfunden wird. Die Bindung an Objekte führt auf Dauer ins Leid.

B

Bewusstsein

Normalerweise ist das Bewusstsein an die Wahrnehmung von Objekten gebunden. Man ist sich dessen bewusst, was man sieht, hört, riecht, schmeckt oder fühlt. Auch Gedanken sind Objekte. Schließt man die Augen und sitzt in einer Stille, die kaum sinnliche Wahrnehmungen vermittelt, rücken Gedanken automatisch in den Fokus des Bewusstseins. Bei der Meditation wird der permanente Fluss flüchtiger Gedanken als störend empfunden. Die Aufdringlichkeit der Gedanken hat psychologische Gründe.

Die Bindung des Bewusstseins an Objekte gibt ihm Orientierung. Es weiß gewissermaßen wo es ist. Ohne Bindung an wahrnehmbare Objekte fürchtet das bewusste Ich in einer unbestimmbaren Weite verlorenzugehen. Hier kann eine Parallele zur Agoraphobie vermutet werden. Das Ich hat Angst vor den Gefahren der Welt. Es klammert sich an etwas, das ihm vertraut erscheint und ihm Halt gibt: das kleine Repertoire der immer wiederkehrenden Themen seines persönlichen Horizonts.

Die Fokussierung auf Objekte macht das Ich zugleich unfrei. Es bleibt gebunden. Die Sicherheit, also die Befreiung von der Angst, die es durch die Bindung an Konkretes sucht, fesselt es zugleich an das Leid, das Kleinem inneliegt.

Die Befreiung vom Leid, die der Buddhismus als Erreichen des Nirwana bzw. des Nibbana (Pali - निब्बन) verheißt, kann als Ablösung des Bewusstseins von der Bindung an Objekte gedeutet werden. Beim befreiten Menschen ist die Begierde, sich an Objekte zu binden, erloschen. Das Bewusstsein erfährt sich als ungebunden und damit als nicht mehr ausgeliefert. Im Moment der befreienden Erkenntnis ist es sich nicht mehr irgendwelcher Objekte bewusst, sondern seiner selbst. Es erfährt, dass es selbst kein Objekt ist. Es gibt die Identifikation mit Objektivem auf.

D

Dasein

Es gibt nur ein Dasein. Ein Dortsein gibt es nicht. Meist ist das Dasein davon erfüllt, dort sein zu wollen. Das Dort kann dabei ein anderer Ort sein oder es ist ein anderes Sein. Oft sucht man nach Bedingungen, die man für besser hält, als die, in denen man sich befindet.

Man kann das Dasein aber nur dann als angenehm erleben, wenn man es annimmt. Um mit seinem Dasein zufrieden zu sein, gilt es auch das von ihm anzunehmen, was man eigentlich nicht haben will. Dazu braucht man Achtsamkeit. Um zufrieden zu werden, gilt es, die Unzufriedenheit ins Auge zu fassen, die die Psyche dazu antreibt, von dort weg zu wollen, wo sie ist.

Nicht dass es grundsätzlich falsch wäre, bessere Bedingungen anzustreben. Ohne dass man sich die Unzufriedenheit vor Augen führt und sie zunächst annimmt, bleibt das Streben nach etwas Besserem aber oft blind.

G

Gerechtigkeit
Ideologen und Idealisten identifizieren sich mit Idealen. Dadurch bringen sie sich zur Wirklichkeit auf Distanz. Statt sich der Wirklichkeit zu stellen, quartieren sie sich in den Luftschlössern einer Ideenwelt ein, von wo aus es ihnen als ein Leichtes erscheint, die Schwerkraft zu überwinden. Sie meinen: Wenn die Schwerkraft nur ein Fünkchen guten Willens hätte, hätte sie sich längst abgeschafft.

Gerechtigkeit zu bewirken, ist eines der wesentlichen Ziele gesellschaftlicher Regeln. Gerechtigkeit sollte aber nicht idealisiert werden. Ideale sind nur Bilder, die man sich macht. Setzt man ein Bild kategorisch über die Wirklichkeit, kann es sein, dass man dort Schaden verursacht. Ideologen und Idealisten neigen dazu, genau das zu tun. Sie rücken im Kopf Bilder zurecht und glauben, dass die Wirklichkeit nur rechtens sei, wenn sie die Herrschaft der Bilder duldet.

Es kann jedoch sein, das Ungerechtigkeit im Interesse aller ist.

Gerechtigkeit kann nicht in der Gleichheit liegen. Sie liegt darin, dass niemand daran gehindert wird, sich seinem Potenzial entsprechend aufzurichten.

Gleichmut

Gleichmut kann synonym zum Begriff Gelassenheit verstanden werden. Gleichmut ist ein wesentliches Merkmal seelischer Gesundheit. Während die normale Psyche auf das, was sie wahrnimmt, in der Regel parteiisch reagiert, bleibt die seelisch gesunde Psyche meist gelassen. Sie reagiert nur dann mit Nachdruck, wenn ein höherwertiges Gut infrage steht.

Parteiische Reaktionen auf Elemente der Wirklichkeit können in zwei Kategorien aufgeteilt werden.

Das gleichmütige Ich verbleibt in Anbetracht dessen, was ihm begegnet, untätig. Untätig heißt: Es greift weder zu noch wehrt es ab. Es verbleibt in einem Zustand reinen Beobachtens. Es versucht, das Wahrgenommene so zu erkennen, wie es ungeachtet seines persönlichen Interesses abläuft.

Übungen

Gleichmut schafft eine gesunde Distanz zur Welt und ihren Misslichkeiten. Das Gute ist: Man kann ihn erwerben. Was man dazu braucht, ist etwas Geduld und die Bereitschaft nach innen zu schauen, um Impulse zu erkennen, bevor sie in Taten übergehen.

I

Das Ich
Definition
Das Ich ist das, was nach sich selbst fragt. Das Ich fragt:
  • Was bin ich?
  • Wie muss ich sein, um ich selbst zu sein?
  • Was von dem, was ich zu sein glaube, bin ich wirklich selbst?
  • Was kann ich tun, damit mein Sein kein Müssen mehr ist?

Es ist daher nicht die Frage, ob es ein Ich gibt oder nicht. Die Frage ist vielmehr, was die richtige Antwort auf seine Fragen ist.

Das persönliche Ich entsteht aus dem Nicht-Ich. Jedes persönliche Ich ist Ausdrucksart und Erscheinungsform eines bereits vor ihm bestehenden Nicht-Ichs. Ein persönliches Ich, das unabhängig vom Nicht-Ich existieren würde, gibt es nicht.

Hier heißt es: Das Ich entsteht. Was bedeutet entstehen? Der Begriff entstehen besteht aus zwei Teilen: der Vorsilbe ent- und dem Verb stehen. Die Vorsilbe ent- benennt einen Gegensatz und somit eine Trennung. Sie ist aus der germanischen Wurzel and[a]- = entgegen, von etwas weg abgeleitet. Den Sinn der Silbe erkennen wir in vielen Begriffen:

Sobald das Ich aus dem Nicht-Ich entsteht, steht es ihm als Gegensatz gegenüber. Daraus entsteht im nächsten Schritt alles Leid, das das Ich als etwas Existierendes, also als etwas ins Nicht-Ich Hinausragendes, zu erdulden hat, denn Gegensätze koexistieren oft nicht nur, sondern wirken einander entgegen. Bei Ich und Nicht-Ich ist das der Fall. Das Nicht-Ich wirkt dem Ich zumindest als Hindernis entgegen, wenn nicht gar als ein Prinzip, das darauf hinwirkt, die Abspaltung des Ich wieder aufzuheben und somit das Ich auszulöschen.

Dass das persönliche Ich dem Nicht-Ich gegenübersteht und von diesem infrage gestellt wird, hat weitreichende Folgen für seine Struktur, sein Wesen und die grundsätzlichen Tendenzen aus denen heraus es sein Dasein gestaltet.

Das persönliche Ich ist stets Teil eines Ganzen, dem es untergeordnet und weitgehend ausgeliefert ist. Identifiziert sich das Ich mit der Person, wird es sich zumindest unterschwellig immer unbehaglich fühlen. Es kann sich seiner selbst nie sicher sein, weil es als relatives Selbst nicht autonom über sich bestimmen kann. Aus diesem Gefühl der Unzufriedenheit heraus versucht es, sich eines wachsenden Teils des Nicht-Ichs zu bemächtigen. Seine Grundtendenz heißt: Ich will mehr haben. Ich will mehr sein. Zu dem Mehr, das es haben will, können gehören:

Dukkha
Die buddhistische Ontologie verwendet den Begriff Dukkha. Damit bezeichnet sie eines der drei Wesensmerkmale des menschlichen Erlebens. Dukkha (Pali - दुक्ख, Sanskrit - duḥkha दुःख = unangenehm) bezeichnet die Tatsache, dass die innerweltlichen Erfahrungen des persönlichen Ichs nie zu abschließender Befriedigung führen. Dukkha resultiert unmittelbar aus der Abspaltung des Ich vom Nicht-Ich. Solange sich das Ich als separate Instanz definiert, die der Welt gegenübersteht, bleibt seinem Erleben stets ein Gefühl des Unbehagens, der Unsicherheit und des Unbefriedigtseins eingewoben, das durch Erfolge nur vorübergehend aufgehoben werden kann und durch Misserfolge weiter vertieft zu werden droht.

Dukkha kann auch mit dem Begriff des Minderwertigkeitsgefühls assoziiert werden. Das persönliche Ich ist immer von der Befürchtung bedroht, minderwertig zu sein. Um dem Gefühl abzuhelfen, kann es entweder heilsame oder problematische Methoden verwenden. Beim Einsatz problematischer Methoden wird das Minderwertigkeitsgefühl kurzfristig abgeschwächt. Langfristig wird es verstärkt (Regulation des Selbstwertgefühls).

M

Meinung

Meinungen sind Urteile über die Wirklichkeit. Wer etwas meint, bezieht der Wirklichkeit gegenüber Stellung. Auch Meinungen dienen der Abwehr von Angst.

Hüten Sie sich, über alles Mögliche etwas Bestimmtes zu meinen. Statt auf eine Meinung festgelegt zu sein, ist es besser zu sagen: Darüber weiß ich nicht genug, als dass ich mir eine Meinung bilden sollte.

Feste Meinungen sind Festungen. Sie schützen das Innere vor Einflüssen der Außenwelt. Sie hindern ihre Inhaber aber auch daran, ins Freie zu gehen. Um nicht zum Gefangenen seiner eigenen Meinungen zu werden, gilt es, Meinungen nicht allzu ernst zu nehmen. Meinungen können Betrüger sein. Sie versprechen Sicherheit. Tatsächlich machen sie nur unfrei. Wenn Sie etwas meinen, machen Sie sich klar: Das ist nur eine Meinung. Stünde ich an einer anderen Stelle im Leben, könnte meine Meinung eine ganz andere sein.

Meinungsfreiheit

Es macht Sinn, dem Begriff Meinungsfreiheit zwei Inhalte zu geben.

Meinungsstreit

Zwei Arten mit Meinungen umzugehen

Immer heilsam Meist schädlich
Meinungsaustausch Meinungsstreit

Sich über Meinungen zu streiten ist weit verbreitet. Man spricht sogar von einer Streitkultur und ordnet dem Streit damit einen Wert zu, den er nicht hat.

Ursache des Meinungsstreits ist die Identifizierung der Meinungsträger mit ihren Meinungen. Obwohl das Mein- in Meinung sprachgeschichtlich keineswegs mit dem besitzanzeigenden Fürwort mein verwandt ist, reagieren Meinungsträger auf die Infragestellung ihrer Meinungen oft so, als versuche man ihnen einen wertvollen Besitz oder gar den Kern ihres Wesens zu entreißen. Sie wehren sich verbissen und gehen in der Regel sogar in die Offensive über, als sei Angriff tatsächlich die beste Verteidigung.

Die Identifikation mit der eigenen Meinung ist Ausdruck der Identifikation mit der eigenen Person. Personen ordnen sich Meinungen zu, als seien sie konstituierende Elemente ihrer selbst. Sie machen sich nicht deutlich, im welchem Ausmaß Meinungen zufällig und austauschbar sind.

Annalena ist fest davon überzeugt, die einzig richtigen Sichtweisen auf gesellschaftliche Probleme zu vertreten. Dass andere Leute die Dinge anders sehen, kann sie sich nur durch deren Dumm- und Bosheit erklären. Wäre Annalena aber nicht in den 80er Jahren in einem bürgerlichen Haushalt in Franken geboren, sondern in den 60ern als Bergmannstochter im Donezbecken, könnte es gut sein, dass sie zu den meisten Themen ganz andere Meinungen hätte.

Friedliche Leute streiten nicht über Meinungen. Sie tauschen sie miteinander aus. Sie anerkennen, dass Meinungen nur Meinungen sind, also unsichere Deutungen einer komplexen Wirklichkeit, die man nur im Ansatz versteht. Beim Austausch von Meinungen wollen sie eher verstehen, wie andere zu ihrer kommen, als dass sie es erzwingen wollten, die eigene zu übertragen.

Der Begriff Meinungsträger drückt die Verhältnisse deutlich aus. Meinungen sind Lasten, die ihr Träger zu ertragen hat. Es stimmt schon: Er trägt sie, um sie als Schutzschild und Waffe zu benutzen. Beim Versuch, seine Meinung im Streit auf andere zu übertragen, strebt er nach der Erfüllung einer tiefsitzenden Sehnsucht; nämlich der, sicher im Schoße einer Welt aufgehoben zu sein, die umfassend mit ihm übereinstimmt. Dafür will er kämpfen.

Der Kampf führt aber zum Gegenteil. Er verhärtet die Fronten. Die Welt wird noch kantiger, was noch mehr Streitbereitschaft zu rechtfertigen scheint.

Machen sie sich das Leben leichter. Werfen Sie die Last Ihrer Meinungen ab. Sagen Sie sich: Was ich da für richtig halte, ist bloß eine Meinung. Dass ich genau diese Meinung für meine eigene halte, ist nicht mein Werk. Es ist das Resultat einer Kaskade von Erfahrungen, auf deren verursachende Wirkkräfte ich nur wenig Einfluss habe. Nicht ich habe eine Meinung. Meinungen haben mich. Indem ich sie nicht mehr so ernst nehme, mache ich mich frei.

S

Schlaf

Das Ego will den Schlaf unterwerfen damit er seinen Zwecken dient. Der Schlaf hat aber seinen Sinn in sich. Wenn der Schlaf zu etwas dient, dann aus freien Stücken; nicht, weil irgendwer ihn dienstbar machen will.

w

Wissen

Im Laufe des Lebens werden dessen Erscheinungsformen - mehr oder weniger richtig - erkannt. Aus jeder Erkenntnis entsteht ein Wissen, das von da ab dazu dient, neue Erscheinungsformen schneller einzuordnen. Jedes Wissen ist ein Vorurteil. Es kann mehr oder weniger richtig sein, je nachdem wie genau die Erkenntnis der Wirklichkeit entspricht.

Wissen wird im Körper abgespeichert. Mit dem Niedergang des Körpers kann es verloren gehen. Das Ich denkt: Ich weiß etwas. Ob das zutrifft, ist unklar. Es hängt davon ab, was das Ich ist. Insofern der Körper Ausdruck des Ich ist, stimmt der Satz. Vielleicht ist es aber so, dass nicht das Ich, sondern der Körper etwas weiß, und dass das Ich sein Wissen nur erkennt.