Definition
Das Ich ist das, was nach sich selbst fragt. Das Ich fragt:
  • Was bin ich?
  • Wie muss ich sein, um ich selbst zu sein?
  • Was von dem, was ich zu sein glaube, bin ich wirklich selbst?
  • Was kann ich tun, damit mein Sein kein Müssen mehr ist?

Es ist daher nicht die Frage, ob es ein Ich gibt oder nicht. Die Frage ist vielmehr, was die richtigen Antworten auf seine Fragen sind.

Das Ich

Nachträgliche Bemerkungen


Das persönliche Ich entsteht aus dem Nicht-Ich. Jedes persönliche Ich ist Ausdrucksart und Erscheinungsform eines bereits vor ihm bestehenden Nicht-Ichs. Ein persönliches Ich, das unabhängig vom Nicht-Ich existieren würde, gibt es nicht.

Hier heißt es: Das Ich entsteht. Was bedeutet entstehen? Der Begriff entstehen besteht aus zwei Teilen: der Vorsilbe ent- und dem Verb stehen. Die Vorsilbe ent- benennt einen Gegensatz und somit eine Trennung. Sie ist aus der germanischen Wurzel and[a]- = entgegen, von etwas weg abgeleitet. Den Sinn der Silbe erkennen wir in vielen Begriffen:

Sobald das Ich aus dem Nicht-Ich entsteht, steht es ihm als Gegensatz gegenüber. Daraus entsteht im nächsten Schritt alles Leid, das das Ich als etwas Existierendes, also als etwas ins Nicht-Ich Hinausragendes, zu erdulden hat, denn Gegensätze koexistieren oft nicht nur, sondern wirken einander entgegen. Bei Ich und Nicht-Ich ist das der Fall. Das Nicht-Ich wirkt dem Ich zumindest als Hindernis entgegen, wenn nicht gar als ein Prinzip, das darauf hinwirkt, die Abspaltung des Ich wieder aufzuheben und somit das Ich auszulöschen.

Dass das persönliche Ich dem Nicht-Ich gegenübersteht und von diesem infrage gestellt wird, hat weitreichende Folgen für seine Struktur, sein Wesen und die grundsätzlichen Tendenzen aus denen heraus es sein Dasein gestaltet.

Das persönliche Ich ist stets Teil eines Ganzen, dem es untergeordnet und weitgehend ausgeliefert ist. Identifiziert sich das Ich mit der Person, wird es sich zumindest unterschwellig immer unbehaglich fühlen. Es kann sich seiner selbst nie sicher sein, weil es als relatives Selbst nicht autonom über sich bestimmen kann. Aus diesem Gefühl der Unzufriedenheit heraus versucht es, sich eines wachsenden Teils des Nicht-Ichs zu bemächtigen. Seine Grundtendenz heißt: Ich will mehr haben. Ich will mehr sein. Zu dem Mehr, das es haben will, können gehören:

Dukkha
Die buddhistische Ontologie verwendet den Begriff Dukkha. Damit bezeichnet sie eines der drei Wesensmerkmale des menschlichen Erlebens. Dukkha (Pali - दुक्ख, Sanskrit - duḥkha दुःख = unangenehm) bezeichnet die Tatsache, dass die innerweltlichen Erfahrungen des persönlichen Ichs nie zu abschließender Befriedigung führen. Dukkha resultiert unmittelbar aus der Abspaltung des Ich vom Nicht-Ich. Solange sich das Ich als separate Instanz definiert, die der Welt gegenübersteht, bleibt seinem Erleben stets ein Gefühl des Unbehagens, der Unsicherheit und des Unbefriedigtseins eingewoben, das durch Erfolge nur vorübergehend aufgehoben werden kann und durch Misserfolge weiter vertieft zu werden droht.

Dukkha kann auch mit dem Begriff des Minderwertigkeitsgefühls assoziiert werden. Das persönliche Ich ist immer von der Befürchtung bedroht, minderwertig zu sein. Um dem Gefühl abzuhelfen, kann es entweder heilsame oder problematische Methoden verwenden. Beim Einsatz problematischer Methoden wird das Minderwertigkeitsgefühl kurzfristig abgeschwächt. Langfristig wird es verstärkt (Regulation des Selbstwertgefühls).