Jedes Dasein ist auch Knechtschaft. Wer da ist, befindet sich an einem Ort, an dem er den Bedingungen ausgesetzt ist, die an diesem Ort vorherrschen. Zwar kann er auf die Bedingungen zu seinem Vorteil Einfluss nehmen, aber immer nur in begrenztem Maße. In letzter Konsequenz ist er der Herrschaft mächtiger Bedingungen unterworfen.

Dukkha


Die buddhistische Ontologie verwendet den Begriff Dukkha. Damit bezeichnet sie eines der drei Wesensmerkmale des menschlichen Erlebens.

Drei Merkmale
Drei wesentliche Merkmale der Wirklichkeit - zumindest jener, die dem Menschen begegnet und in die er eingebettet ist - sind...
  1. Anicca = Vergänglichkeit
  2. Dukkha = Leidbehaftung
  3. Anatta = Uneigenständigkeit

Dukkha (Pali - दुक्ख, Sanskrit - duḥkha दुःख = unangenehm) bezeichnet die Tatsache, dass die innerweltlichen Erfahrungen des persönlichen Ich nie zu abschließender Befriedigung führen. Dukkha resultiert unmittelbar aus der Abspaltung des Ich vom Nicht-Ich. Solange sich das Ich als separate Instanz begreift, die der Welt gegenübersteht, bleibt seinem Erleben ein Gefühl des Unbehagens, der Unsicherheit und des Unbefriedigtseins eingewoben, das durch Erfolge nur vorübergehend aufgehoben werden kann und durch Misserfolge weiter vertieft zu werden droht. Das Dasein als separates Ich ist unentrinnbar mit Leid behaftet.

Die Auffassung des Ich als separate Instanz definiert es als Teil in einem Feld. Als solches Teil ist es Kräften des Feldes ausgesetzt, auf die es nur begrenzt Einfluss nehmen kann. Dem Wesen des abgespaltenen Ich ist daher eine passive Komponente eingewoben; und damit eine Komponente, die es zum Leid verurteilt. Passiv entstammt dem lateinischen Verb pati = erdulden, erleiden.

Missverständnis
Der Zeitgeist neigt dazu, Leid nur als einen Störfall des Daseins aufzufassen. Damit unterstellt er, Leid sei Signal, dass das Dasein misslingt. Das ist kurz gedacht und führt zu noch mehr Leid. Wer nämlich glaubt, Leid entspräche im Grundsatz einem Misslingen, leidet doppelt:
  1. unter dem primären Leid.
  2. unter der Vorstellung, dass das Leid sein Dasein entwertet.

Richtig ist, dass Leid Anstoß gibt, etwas zu tun, damit der Leidende sein Leid überwindet. Richtig ist, auf lange Sicht Glück, Freude oder Gelassenheit anzustreben. Wer Leid aber als bloßen Störfall betrachtet, der eigentlich nicht sein müsste oder nicht sein sollte, der also eigentlich keinen Wert hat, der benutzt voreilig problematische Methoden zu seiner Beseitigung. Viel Leid geht dadurch ungenutzt verloren. Es trägt nicht dazu bei, es nachhaltig zu überwinden. Es wird nicht zur Etappe auf dem Weg zu einem Ziel. Es bleibt ein Refrain, der sich immerzu wiederholt.

Dukkha kann mit dem Begriff des Minderwertigkeitsgefühls assoziiert werden. Das persönliche Ich ist immer von der Befürchtung bedroht, minderwertig, unterlegen, ungenügend zu sein. Zur Überprüfung seines Wertes vergleicht es sich: mit anderen oder dem Idealbild, das es von sich selber hat. Daraus entsteht eine manifeste oder eine unterschwellige Unzufriedenheit, die immer neue Anlässe findet, zu Tage zu treten. Um dem Gefühl abzuhelfen, kann man heilsame oder problematische Methoden verwenden.

Beim Einsatz heilsamer Methoden kommt es zur Abschwächung des Minderwertigkeitsgefühls. Zu den heilsamen Methoden zählen...

Beim Einsatz problematischer Methoden wird das Minderwertigkeitsgefühl kurzfristig abgeschwächt. Langfristig wird es verstärkt. Zu den problematischen Methoden zählen...

Selbst die oben genannten heilsamen Methoden können Dukkha jedoch nicht endgültig überwinden. Das liegt an der Vergänglichkeit, der alles Diesseitige und damit auch jede Person unterworfen ist. Die endgültige Überwindung Dukkhas ist Aufgabe spiritueller Praktiken. Das zentrale Anliegen der Spiritualität ist die Des-Identifikation des Selbst vom persönlichen Ich. Das des-identifizierte Selbst ruht in der Gewissheit, kein Teil der Welt zu sein. Es betrachtet das Leiden des Ich am Dasein als bloße Erscheinung.