Definition
Das Ich ist das, was nach sich selbst fragt. Das Ich fragt:
  • Was bin ich?
  • Wie muss ich sein, um ich selbst zu sein?
  • Was von dem, was ich zu sein glaube, bin ich wirklich selbst?
  • Was kann ich tun, damit mein Sein kein Müssen mehr ist?

Es ist daher nicht die Frage, ob es ein Ich gibt oder nicht. Die Frage ist vielmehr, was die richtigen Antworten auf seine Fragen sind.

Eine Antwort könnte sein: Nichts Zusammengesetztes ist sein eigenes Selbst.

Das Ich


  1. Ich und Nicht-Ich
  2. Unterscheidungen
  3. Egozentrisches Selbstbild
  4. Befreiung

1. Ich und Nicht-Ich

Das persönliche Ich entsteht aus dem Nicht-Ich. Jedes persönliche Ich ist Ausdrucksart und Erscheinungsform eines bereits vor ihm bestehenden Nicht-Ichs. Ein persönliches Ich, das unabhängig vom Nicht-Ich existieren würde, gibt es nicht.

Hier heißt es: Das Ich entsteht. Was bedeutet entstehen? Der Begriff entstehen besteht aus zwei Teilen: der Vorsilbe ent- und dem Verb stehen. Die Vorsilbe ent- benennt einen Gegensatz und somit eine Trennung. Sie ist aus der germanischen Wurzel and[a]- = entgegen, von etwas weg abgeleitet. Den Sinn der Silbe erkennen wir in vielen Begriffen:

Sobald das Ich aus dem Nicht-Ich entsteht, steht es ihm als Gegensatz gegenüber. Daraus entsteht im nächsten Schritt alles Leid, das das Ich als etwas Existierendes, also als etwas ins Nicht-Ich Hinausragendes, zu erdulden hat; denn Gegensätze koexistieren oft nicht nur, sondern sie wirken einander entgegen. Bei Ich und Nicht-Ich ist das der Fall. Das Nicht-Ich wirkt dem Ich zumindest als Hindernis entgegen, wenn nicht gar als ein Prinzip, das darauf hinwirkt, die Abspaltung des Ich wieder aufzuheben und somit das Ich auszulöschen.

Existenz und Insistenz
Man spricht von der Existenz des Individuums. Der Begriff Existenz besagt, dass das Existierende ins Feld dessen hinausragt, was es selbst nicht ist (griechisch existemi [εξιστημι] = herausstehen). Dabei wird schnell übersehen, dass das Existierende zwar als unterscheidbares Etwas ins Feld hinausragt, nicht aber als etwas Abtrennbares. Seine Existenz ist mit der Insistenz dessen verwoben, was es selbst nicht ist und was doch konstitutionell in es hineinragt. Es kann nicht aus dem Umfeld herausgelöst werden, weil die Grenze zwischen ihm und dem Umfeld nicht nur Grenze, sondern zugleich Brücke ist. Das Individuum geht ins Feld über und das Feld ins Individuum. Man existiert nicht nur. Es insistiert zugleich. Das macht einen Teil des Leides aus.

Dass das persönliche Ich dem Nicht-Ich gegenübersteht und von diesem infrage gestellt wird, hat weitreichende Folgen für seine Struktur, sein Wesen und die grundsätzlichen Tendenzen aus denen heraus es sein Dasein gestaltet.

Das persönliche Ich ist stets Teil eines Ganzen, dem es untergeordnet und weitgehend ausgeliefert ist. Identifiziert sich das Ich mit der Person, wird es sich zumindest unterschwellig immer unbehaglich fühlen. Es kann sich seiner selbst nie sicher sein, weil es als relatives Selbst nicht autonom über sich bestimmen kann. Aus diesem Gefühl der Unzufriedenheit heraus versucht es, sich eines wachsenden Teils des Nicht-Ichs zu bemächtigen. Seine Grundtendenz heißt: Ich will mehr sein. Und dazu muss ich mehr haben.

Zu dem Mehr, das es haben will, können gehören:

2. Unterscheidungen

Nicht nur das Ich kann vom Nicht-Ich unterschieden werden, sondern auch verschiedene Ausdrucksarten bzw. Erscheinungsformen des Ich. Zu unterscheiden sind...

Individuelles und persönliches Ich bilden zusammen das relative Selbst.

Neurotisches Leid entsteht durch die Verengung des Selbstbilds auf das Ich. Das Ich ist die Illusion, sich selbst zu gehören. Es ist die Illusion, sein eigener Besitz zu sein. Alles Ich ist Haben. Alles wahre Selbst ist Sein. Alles Sein ist Raum, in dem Erkennbares Zutage tritt.
2.1. Das individuelle Ich

Das individuelle Ich entsteht mit dem Leben. Anders ausgedrückt: Leben ist Individualität. Eine Spezies besteht aus einander ähnelnden Individuen. Die Biologie ist die Wissenschaft der Individualität im Allgemeinen und individueller Unterschiede im Besonderen.

Individuen sind Partikel, also abgesonderte Strukturen, die sich in einem Feld befinden. Zwischen Partikel und Feld besteht eine Grenze, die wie ein Filter wirkt. Filter wählen. Für manches sind sie offen, für anderes nicht.

Nicht jeder Partikel ist ein Individuum. Steine sind Partikel, aber keine Individuen; jedenfalls nicht im hier definierten Sinn. Gewiss: Man könnte sagen, jeder Stein unterscheidet sich von anderen durch seine individuelle Größe, Farbe, Form und Beschaffenheit. Trotzdem lebt der Stein nicht. Individuen im biologischen Sinn tun es. Nur was lebt, ist ein echtes Individuum.

Was den lebenden Partikel vom toten unterscheidet, ist sein individuelles Eigeninteresse. Lebende Partikel sind so strukturiert, dass sie ihren Fortbestand durch zielgerichtete Prozesse fördern. Sie verhalten sich so, als ob sie selbst ein Interesse daran hätten, ihren Bestand zu sichern oder durch Fortpflanzung neue Individuen hervorzurufen, die ihrer eigenen Struktur gleichen. Was lebt, ist so strukturiert, dass es sich selbst erhält und/oder Kopien von sich herstellt. Was lebt, wirkt selbsterhaltend.

Der Selbsterhaltungsimpuls, also das Eigeninteresse des biologischen Individuums, das seinem Fortbestand dient, kann als individuelles Ich aufgefasst werden. Das individuelle Ich ist eine Kraft, die dem Bestand des Individuums selektiv eine größere Bedeutung zuordnet als den Interessen des Umfelds. Das Ich ist die Interessensvertretung eines Partikels im Feld.

Bewusstsein

Was selbsterhaltend wirkt, wirkt zielgerichtet. Was zielgerichtet wirkt, muss von dem, worauf es wirkt, etwas wissen. Wäre es blind, könnte es keine Ziele verfolgen. Insofern ist davon auszugehen, dass jedem Individuum etwas zugeordnet ist, das als Bewusstheit bezeichnet werden kann. Damit die Kohlmeise nach der Raupe pickt und nicht nach dem Zweig, auf dem die Raupe sitzt, muss sie in der Lage sein, beides voneinander zu unterscheiden. Es gibt ein Bewusstsein des Unterschiedes, das mit der Meise verknüpft ist. Inwieweit dieses Bewusstsein seinerseits mit einem Bild verbunden ist, das die Meise als Individuum im Feld darstellt, wissen wir nicht. Bei höheren Tieren, zum Beispiel Menschenaffen, Delphinen oder Elefanten, gibt es starke Indizien, dass es ein solches Selbstbild gibt. Der Affe reagiert nicht nur reflexartig auf Elemente des Umfelds, die in seinem Bewusstsein auftauchen, er ahnt auch, dass es ein Er-Selbst gibt, das es tut. Er kann sein Verhalten dergestalt modulieren, als sei er nicht nur Individuum einer Spezies, sondern rudimentär bereits Person.

2.2. Das persönliche Ich
Das individuelle Ich ist ein koordiniertes Bündel wirksamer Faktoren, die dem Bestand des Individuums dienen. Das persönliche Ich macht aus dem Individuum ein supervidiertes Projekt. Wir wissen, dass die Supervision des Individuums durch sich selbst zu einer enormen Effektivitätssteigerung bei der Durchführung des Selbsterhaltungsprojekts geführt hat.

Das persönliche Ich entsteht, sobald das Bewusstsein ein Bild des Individuums entwirft und es bei Entscheidungen berücksichtigt. Diesem Selbstbild werden Inhalte als Eigenschaften und Bestandteile zugeordnet.

Indem sich das Bewusstsein Inhalte zuschreibt, wird es zur Person. Aus der Vorstellung Dies gehört zu mir, wird im nächsten Schritt ein Dies gehört mir. Tatsächlich sind Inhalte des Bewusstseins aber nur wahrnehmbare Qualitäten und Phänomene, die niemandem gehören.

Alles, was ich besitze, ist ein Stück Welt, dessen Besitz ich bin. Die Welt gaukelt mir vor, dass es mich gibt, um mich für ihre Zwecke einzusetzen.

Die Einordnung des Körpers als primärer Besitz der Person ist eine sinnvolle gesellschaftliche Konvention; so wie die Zuordnung eines Grundstücks oder eines Hauses zum persönlichen Besitzstand ihres Eigentümers. Die Zuordnung ist faktisch aber eine bedingte Konvention. Sie hängt von den momentanen gesellschaftlichen Strukturen ab. So galt der Körper des Leibeigenen in der Feudalzeit als Besitz des Lehnsherrn. Und selbst unabhängig von gesellschaftlichen Konventionen ist der Körper nur solange "im Besitz" der Person, bis eine Mikrobe oder ein Haufen enthemmt wuchernder Zellen ihr klarmacht, dass der Körper von je her bestenfalls eine Leihgabe der Natur war. Der Einzelne darf über seinen Körper verfügen, bis er nicht mehr darüber verfügen darf.

Man kann davon ausgehen, dass das individuelle Ich, also der Drang des Individuums, seine partiell abgesonderte, und damit besondere Existenz aufrecht zu erhalten, sich seiner selbst und seines Tuns nicht bewusst zu sein braucht. Wir vermuten, dass der Gelbrandkäfer nach Beute schnappt, ohne sich dabei als eine Person zu betrachten, die sich einen Namen zuordnet und dann denkt: Super, das Beuteschnappen ist mir heute aber gut gelungen.

Selbst unser individuelles Ich ist auch dann aktiv, wenn wir es nicht zur Kenntnis nehmen. So sorgt es Tag und Nacht dafür, dass unsere Nieren zielgerichtet funktionieren und im Tiefschlaf besteht sogar die gesamte Ichaktivität aus unbewussten Prozessen.

Das persönliche Ich ist eine Erscheinung des individuellen, die das individuelle Ich um die Dimension der Selbstbewusstheit erweitert. Dazu ordnet es Teilaspekten der Wirklichkeit eine spezielle Form der Zugehörigkeit zu. Es definiert: Dies und das gehört (zu) mir. Jenes gehört nicht zu mir.

Das persönliche Ich ist eine Instanz, die der Wirklichkeit dergestalt begegnet, dass sie sich selbst als ein Gegenüber dieser Wirklichkeit auffasst; ein Gegenüber, das sowohl unter der Wirklichkeit leidet als auch absichtlich im eigenen Interesse auf sie Einfluss nehmen kann. Etwas, was sich nicht als Gegenüber definiert und nicht davon ausgeht, persönlich zu leiden und eigene Interessen zu haben, ist kein persönliches Ich. Erst wenn eine Vorstellung bewusst wird, die als eine eigenständige Instanz aufgefasst wird, die Ich bin denkt, entsteht ein persönliches Ich.

2.3. Das transzendente "Ich"

Wir haben gesehen, dass sich das Ich ein Selbst zuschreibt. Es sagt: Das bin ich nicht, aber das bin ich selbst. Dieses Selbst ist ein relatives Selbst, das die Elemente des individuellen und des persönlichen Ich zu einer Einheit zusammenfasst, die sich als separat, also als abgegrenzt vom Umfeld betrachtet.

Sprache als Werkzeug und Gefängnis
Sobald ich etwas aussprechen will, bin ich auf die Begriffe der Sprache angewiesen, mit der ich den Entwurf versuche. Begriffe müssen aber definiert sein. Sie müssen abgrenzbare Inhalte benennen. Sonst sind sie keine. Könnte das absolute Selbst begrifflich dargestellt werden, müsste es begrenzt sein. Wäre es das, wäre es aber bloß ein Ding, das keine Transzendenz verwirklicht. Sprache ist ein Werkzeug. Mehr als andernorts ist sie beim Verweis auf das Absolute zugleich Gefängnis.

Genau betrachtet existiert die Grenze aber nur soweit sie zugleich Brücke und Verbindung ist. Daher kann dem Ich, das sich als Repräsentant des relativen Selbst definiert, keine absolute Wirklichkeit zugeschrieben werden. Es ist Konzept. Es ist eine Vorstellung, die sich das Bewusstsein als Bild der Wirklichkeit vor Augen stellt, nicht aber die Wirklichkeit selbst. Wenn die Wirklichkeit aber nicht dem Bild entspricht, muss sie über das Bild hinausgehen. Folglich ist sie transzendent (lateinisch trans = hinüber und scandere = steigen).

Im Titel ist "Ich" in Anführungszeichen gesetzt: mit gutem Grund. Im üblichen Sprachgebrauch wird das Wort Ich stets als Pol einer dualistischen Einheit betrachtet, die dem Nicht-Ich abgegrenzt gegenübersteht. Genau so kann aber das absolute Selbst nicht sein. Sonst wäre es nicht transzendent, sondern erneut nur Partikel im Feld.

Ein Ich ist aber nicht nur etwas, das als Pol einer Dualität fungiert. Es ist zugleich das, was weiß und sich seiner selbst bewusst sein kann. Es ist fähig, sich selbst und die Wirklichkeit zu erkennen. Dem absoluten Selbst eine Fähigkeit abzusprechen, die bereits dem persönlichen Ich zukommt, erscheint wenig plausibel. Man kann daher davon ausgehen, dass auch das absolute Selbst dazu in der Lage ist, sich quasi als ein Ich aufzufassen, also als eine Instanz, die sich selbst erkennt.

Vergisst man dabei nicht, dass ein derart als transzendent aufgefasstes Ich nur dann transzendent ist, wenn es egozentrischen, also spaltenden Impulsen nicht folgt, ist der Begriff "transzendentes Ich" als Hilfsmittel des Denkens vertretbar. Ein transzendentes Ich kann eigentlich nur ein entrückter Beobachter sein, der der Wirklichkeit, die er wahrnimmt, keine Absichten aufzwingt. Er nimmt das Wahrnehmbare als das an, was es ist und gesteht ihm damit Wirklichkeit zu. Besser als der Begriff transzendentes Ich scheint der des Absoluten Selbst dazu geeignet, auf das hinzuweisen, was damit gemeint ist.

Ich und Selbst

Absolutes Selbst
Nimmt wahr, was ist. Per­sön­liches Ich / relatives Selbst
Entwirft Selbstbild. Indi­vidu­elles Ich
Begreift sich als Gegensatz zum Nicht-Ich. Handelt eigennützig.
Wirkt zum eigenen Vorteil.

Das vorliegende Schaubild ist hübsch anzusehen. Zugleich verrät es den Hochmut des Egos, das sich, verführt durch das Maß an Intelligenz, das es bei sich selbst feststellt, für die Krone der Schöpfung hält; und in der Folge das persönliche Ich dem individuellen überordnet. Es glaubt, dem Absoluten Selbst näher zu sein, als das Leben an sich, sodass es aus erhöhter Position darauf herabblicken könnte.

Richtig ist, dass das persönliche Ich eine Fortentwicklung des individuellen ist. Es baut auf dem individuellen auf, indem es dessen Bewusstsein durch das Selbstbild bereichert und das Individuum dadurch in eine Person verwandelt, die weit effektiver in die Wirklichkeit eingreifen kann, als ein Individuum, dem es an Selbstbewusstsein fehlt. Trotzdem steht die Person nicht über dem Leben, sondern ist eine ihrer selbst bewusste Sonderform, deren Existenz aus dem individuellen Ich hervorgeht. Richtiger ist daher das folgende Schaubild. Es beschreibt das persönliche Ich nicht als Krone der Schöpfung, sondern als Leihgabe des Lebens, dem es für die Gabe dankbar sein kann.

Ich und Selbst · Alternatives Modell

Absolutes Selbst
Nimmt wahr, was ist. Indi­vidu­elles Ich / relatives Selbst
Handelt eigennützig. Per­sön­liches Ich
Wirkt zum eigenen Vorteil. Begreift sich als Gegensatz zum Nicht-Ich.
Entwirft Selbstbild.

Das Absolute Selbst erkennt entrückt, neutral und unparteiisch. Einen Tropfen seiner Fähigkeit einzugreifen verleiht es ans Ich. Das Ich ist eine Hypothese der Gegensätzlichkeit. Es interpretiert die Welt aus der Polarität einer dualistischen Spaltung. Vor dort aus kann es tun, was dem Ganzen dient oder das, was ihm persönlich als nützlich erscheint.

3. Egozentrisches Selbstbild

Das selbstbewusste Individuum begegnet der Wirklichkeit aus seinem Welt- und Selbstbild heraus. Deshalb ist das Selbstbild für sein Verhalten von großer Bedeutung.

In der Regel interpretiert der Einzelne die Wirklichkeit vor dem Hintergrund eines egozentrischen Selbstbilds. Egozentrisch heißt: Er geht davon aus, dass er selbst und sein Ich deckungsgleich sind. Er geht davon aus, dass seine Person zugleich er selbst ist, sodass das Zentrum seiner selbst in seinem persönlichen Ich zu verorten ist. Das egozentrische Ich setzt sich mit seinem relativen Selbst gleich.

Betrachtet man das Wesen des relativen Selbst aber genauer, stellt man fest, dass es aus vorübergehenden Erscheinungen besteht, die auftauchen, eine Zeitlang erkennbar bleiben und dann wieder verschwinden. Etwas was erscheint, ist jedoch Erscheinung. Es ist kein Sein an sich. Es hängt vielmehr von Bedingungen ab, die sein Erscheinen eine begrenzte Zeit bewirken. Das wahre Selbst kann also nicht allein im Erschienenen liegen. Es muss auch sonst wo sein. Mehr noch: Die Essenz seines Wesens muss jenseits der Erscheinung sein.

Die egozentrische Weltsicht hat schwerwiegende Konsequenzen, die das Wohlbefinden des Individuums beeinträchtigen:

Selbstbewertung
Die Selbstbewertung ist ein entscheidender Faktor bei der Entwicklung psychopathologischer Probleme.

Selbstbewertung ist eine Fähigkeit, aber auch ein Problem des persönlichen Ich. Klar: Erst wenn ein Selbstbild besteht, kann es moduliert werden. Das individuelle Ich, dem ein Selbstbild fehlt, handelt sich selbst entsprechend. Es bleibt in den Kontext eingebettet und bewertet von dort aus Situationen. Bevor es handelt, beurteilt es zwar die Lage, es beurteilt aber nicht sich selbst. Das persönliche Ich tut das; und spaltet sich damit selbst von sich ab.

Die Abspaltung kann der Keim zu einer Ablösung sein, die dazu führt, dass die Person sich aus der Identifikation mit ihrem individuellen Ich löst und so ihr absolutes Selbst entdeckt. Entdeckt sie es nicht, führt die Ablösung zu einer Irrfahrt durch die Schrecken einer unverstandenen Wirklichkeit.

4. Befreiung

Ein Gedanke ist eine Vorstellung. Und auch der Gedanke, dass ein Gedanke eine Vorstellung ist, ist eine Vorstellung. Vorstellungen sind Bilder, die der Betrachter vor sich stellt. Es sind Modelle, die er dazu benutzt um die Wirklichkeit zu erkennen. Vorstellungen sind Werkzeug und als solche nützlich. Zugleich verstellt die Vorstellung aber den Blick auf das, was eigentlich erkannt werden soll.

Man hat keine Wahrheit. Man kann sie bloß sein. Was man hat, ist bloß Vermutung.

So wie das Auge sich nicht sehen kann und die Hand sich nicht greifen, so kann sich der Betrachter die Wirklichkeit nicht wirklich vorstellen, weil er selbst die Wirklichkeit ist.

Es gibt zwei Möglichkeiten, die Wirklichkeit zu deuten.

Bei der ersten bleibt der Betrachter in der Vorstellung gefangen, dass das Wesentliche in der Erscheinung zu finden ist. Dieses Weltbild ist das weltliche. Mit der zweiten öffnet sich ein Tor, das in die Freiheit führen kann. Dieses Weltbild ist das religiöse.