Begehren

Nachträgliche Bemerkungen


Begierden aller Art sind die wesentlichen Motivationen des menschlichen Verhaltens. Jede Begierde ist ein Habenwollen. Jedem Habenwollen entspricht der Impuls, sich etwas anzueignen, sich durch etwas zu bereichern.

Die existenzielle Grundlage des Begehrens ist das Dasein an sich. Zu existieren heißt, in einen Raum hineinzuragen, in dem das Existierende anderem begegnet und der Zeit unterworfen ist. Durch die Begegnung mit anderem ist das Existierende dessen Einflüssen ausgesetzt. Die Einflüsse des anderen auf das Existierende können förderlich sein. In der Summe führen sie aber dazu, dass alles Existierende in seiner Existenz bedroht ist und auf Dauer vernichtet wird. Jede zusammengesetzte Struktur unterliegt dem Gesetz der Entropie.

Lebende Organismen reagieren auf die Bedrohung ihres Daseins durch Eigenaktivitäten, die der Vernichtung entgegenwirken. Sie stärken sich durch Vereinnahmung anderer Strukturen. Im Gegensatz zu den meisten anderen lebenden Organismen ist sich der Mensch der Bedrohung seines Daseins bewusst. Dementsprechend sind seine Strategien zur Sicherung seines persönlichen Daseins komplex. Er unterliegt dem ständigen Impuls, sich durch irgendetwas zu bereichern. Die Objekte seiner Begierden können in vier Gruppen aufgeteilt werden:

  1. Nahrungsmittel, also organische Substanzen zur Sicherung seiner biologischen Existenz
  2. sinnliche Erfahrungen zwecks prägnanter Erkenntnis seiner unmittelbaren Umwelt
  3. soziale Ränge und Positionen
  4. abstrakte Erkenntnisse sowie Bewusstheit seiner selbst

Der Impuls, sich etwas anzueignen, ist einerseits unentbehrlich um überhaupt eine separate Existenz als Individuum zu ermöglich. Begierden erstrecken sich vom bloßen Hunger bis zum spirituellen Wissensdurst. Sie stehen damit am Anfang der gesamten menschlichen Kultur. Begierden sind aber zugleich die wesentlichen Risikofaktoren, die psychisches Leid begründen. Ungesteuerte Begierden führen dazu, dass gesundes oder zumindest normales Erleben in krankhaftes Erleben entgleist.

Die Ursache der Entgleisung liegt in den irrigen Identifikationen, die das Ich durchführt, um sich selbst zu bestimmen. Das normale Ich entwirft ein Selbstbild. Es setzt sich dazu mit objektiven Sachverhalten gleich, die es dann für sich selbst hält. Es glaubt: Ich bin dieser Körper. Ich bin diese konkrete Person, die diese und jene Position innehat oder innehaben sollte, die bestimmte Meinungen und Vorstellungen von der Wirklichkeit hat.

Da jede Gleichsetzung mit etwas Objektivem immer nur eine Gleichsetzung mit etwas Partiellem, also mit einem Bruchstück sein kann und in der Regel mit etwas Kleinem, das dem Ozean des Nicht-Ich gegenübersteht, steigern Identifikationen das Gefühl, ausgeliefert und bedroht zu sein. Als Reaktion auf das Gefühl werden all jene Begierden verstärkt, durch die sich das Individumm bereichern will und sich damit mächtiger zu machen versucht.