Die Bitte dient der Einbindung der Kräfte des Gebetenen in die Zwecke des Bittstellers. Nichts von dem, was geschieht, hat aber aus sich heraus die Kraft, das Göttliche zu beeinflussen. Genau das ist dessen Rang.

Das echte Gebet kann nie einer Formel folgen, weil eine Formel keine Versammlung bedeutet, sondern Absicht und Ersatz.

Wäre Gott eine Person, wäre sie nicht göttlich, weil sich eine Person als Sosein von anderen Personen unterscheidet und er damit etwas Zweitem gegenüberstünde, das seine Göttlichkeit verneint.

Gebet


  1. Begriffsbestimmung
  2. Bittgebet und Dankgebet
  3. Theologische Grundlagen
    1. 3.1. Theo-Logik der Gebetspraxis
      1. 3.1.1. Polytheistisch
      2. 3.1.2. Monotheistisch
  4. Funktionen
    1. 4.1. Heidnisch
    2. 4.2. Innerseelisch
    3. 4.3. Psychosozial
    4. 4.4. Politisch
    5. 4.5. Mystisch
  5. Meditation, echtes Dankgebet und Anerkennung

1. Begriffsbestimmung

Gebet setzt sich aus zwei Teilen zusammen: der Vorsilbe Ge- und dem Verb bitten. Die Vorsilbe Ge- signalisiert analog zur ihrer Funktion im Begriff Gewissen auch beim Gebet eine Versammlung.

Bitten geht auf althochdeutsch beitten = zwingen, drängen, fordern zurück, dessen Ursprung seinerseits im indogermanischen bheidh- = binden, flechten verortet wird.

Intensität und Inflation

Eigentlich ist die Versammlung der drängenden Kräfte im Gebet eine Frage der Intensität. Der Betende geht davon aus, dass er sich mit all seinen Kräften auf die Zielsetzung zu konzentrieren hat, etwas so mächtiges, wie eine Gottheit, zu bewegen. Zum Zwecke des Gebets findet vor Gott eine innere Sammlung statt. Eine Bitte, die erfüllt werden soll, wird nicht beiläufig vorgebracht.

In der religiösen Praxis der Menschheit wird Intensität oft durch Inflation ersetzt. Ohne echte Sammlung werden Gebetsformeln wiederholt, Gebetsmühlen gedreht und Rosenkränze gleiten durch die Finger, während der vermeintlich Betende sich keineswegs vor dem Heiligen versammelt, sondern im Geiste woanders ist.

Die Funktion des Bittens liegt in der Einbindung dessen, der um etwas gebeten wird, in die Absichten des Bittstellers. Dabei geht das Bitten davon aus, dass zur Einbindung eine drängende Kraft vonnöten ist, die den, der um etwas gebeten wird, dazu bringt, sich einbinden zu lassen. Ohne die drängende Kraft der Bitte würde der Gebetene nicht zum Vorteil des Bittstellers handeln, sondern den Impulsen folgen, die er ohne Eingriff von außen für richtig hält.

Im Gebet wendet sich der Bittsteller an Gottheiten. Um Gottheiten in die eigenen Zwecke einzubinden, bedarf es der Versammlung aller drängenden Kräfte, über die der Bittsteller verfügt. Diese Versammlung der drängenden Kräfte wird durch die Vorsilbe Ge- benannt.

2. Bittgebet und Dankgebet

Die ursprünglichste Form des Gebets ist das Bittgebet. Beim Bittgebet wendet sich der Betende mit seinem Anliegen an göttliche Kräfte.

Das Bittgebet belegt mangelndes Gottvertrauen. Wer auf die Weisheit göttlicher Beschlüsse vertraut, kann keinen Sinn darin sehen, sie durch eigene Vorschläge zu beeinflussen.

Das Dankgebet ist dem Bittgebet logisch nachgeordnetObwohl man durchaus auch für etwas danken kann, worum man nicht gebeten hat.. Nachdem der Wunsch, der im Gebet zum Ausdruck kam, in Erfüllung ging, dankt man den göttlichen Kräften, deren Wirkung man die Erfüllung des Wunsches zu verdanken glaubt.

Das Dankgebet scheint eine andere Funktion als das Bittgebet zu haben. Durch das Bittgebet will man etwas haben. Durch das Dankgebet will man etwas geben. Tatsächlich bleibt im Dankgebet die einbindende Zielsetzung des Gebets jedoch zumeist aktiv. Indem sich der Betende dankbar zeigt, sichert er sich für die Zukunft den BeistandWenn ich ihr heute nicht danke, wird sie morgen meine Bitten nicht erhören. der göttlichen Macht.

Neben dem religiösen Ziel - der Einbindung göttlicher Kräfte in menschliche Pläne - haben Gebete drei weitere Funktionen:

3. Theologische Grundlagen

Zur Praxis des Gebets gehört die Vorstellung mindestens einer göttlichen Person, die dem Betenden als eine Instanz gegenübersteht, die er selbst nicht ist. Das Ich des Betenden wendet sich an das Du einer göttlichen Person. Der Betende geht von zweierlei aus:

  1. Dass die göttliche Macht sich dazu entscheiden kann, schädigend oder fördernd ins Leben des Betenden einzugreifen.

  2. Dass er selbst in der Lage ist, die Entscheidungen der göttlichen Macht durch Gebete zu beeinflussen.

Zwei Konzepte

Theismus Deismus
Gott hat die Welt geschaffen. Auch danach greift er ständig von außen in den Ablauf der Ereignisse ein: durch Offenbarungen, Beauftragung von Propheten und Klerikern zur Vermittlung von Befehlen und zur Umsetzung seiner weiteren Pläne, die je nach Ablauf der Geschichte wechseln können. Gott hat die Welt geschaffen. Da er aber von Anfang an alles in die Bahnen gelenkt hat, die er haben wollte, erübrigt sich jedes weitere Eingreifen. Die Weltgeschichte verläuft ohne punktuelle Eingriffe durch eine Instanz, die ihr nicht sowieso immanent wäre.
Um Gott zu etwas zu bewegen, machen Gebete Sinn. Durch Gebete kann Gott zu nichts bewegt werden. Die einzige Wirkung des Gebets kann in der Besinnung des Betenden auf die göttliche Ebene und/oder die Schaffung eines sozialen Zusammenhalts bestehen.

3.1. Theo-Logik der Gebetspraxis

Bitt- und Dankgebete sind animistischen bzw. heidnischen Ursprungs. Die Praxis des Gebets wurde von den politisch-konfessionellen Kulten des abrahamitischen Kulturkreises übernommen; obwohl ihre Anwendung dort theologisch gesehen nicht nachvollziehbar ist.

Die Götter des polytheistischen Jenseits handeln nicht nach einem gemeinsam durchdachten Plan. Ihre Entscheidungen entsprechen somit keinem Entwurf, dem Endgültigkeit zukäme. Da jeder Gott nur seinen Machtbereich verwaltet, sind polytheistische Götter keine absoluten Weltbeherrscher. Vielmehr sind sie ihrerseits der Dynamik ihrer eigenen Rivalität unterworfen. Die Idee einer abschließend übergeordneten Ebene - eines Ganzen... das die Götterwelt, die Menschenwelt und die Unterwelt überspannt... - kann vom polytheistisch Gläubigen zwar gedacht werden, sie wird aber nicht formuliert; schon gar nicht als Bild eines personalisierten Übergottes, dem dann als Einzigem wahrhaft göttliche Macht zugeschrieben wird.
3.1.1. Polytheistisch

In der heidnisch-animistischen Vorstellung ist die Götterwelt plural. Der Frage, wer von den verschiedenen Göttern die Welt geschaffen... und dem daher als grundlegendem Prinzip ultimative Macht zukommt... hat, wird nur wenig Bedeutung geschenkt. Wichtig ist, welcher Gott für welchen Lebensbereich zuständig ist und durch welche Opfer, Gebete, Beschwörungen oder Rituale er in der gewünschten Weise beeinflusst werden kann.

Da die Geschicke der Menschenwelt im Polytheismus nicht durch einen allmächtigen Gott gelenkt werden, sondern durch konkurrierende, erscheint es folgerichtig, sich um den Beistand des einen oder anderen Gottes zu bemühen. Logisch ist das, weil es in der klassisch heidnischen Vorstellung...

3.1.2. Monotheistisch

Die Ausrufung eines allmächtigen, allwissenden und allgütigen Gottes, der keinen Konkurrenten neben sich hat, hätte das Ende des Bittgebets und jener Spielart des Dankgebets bedeuten müssen, dessen Ziel darin besteht, sich auch für die Zukunft das Wohlmeinen dieses Gottes zu sichern.

Nur ein Dankgebet, das keinen Lohn von Gott erhofft, ist nicht blasphemisch.

Zur Rechtfertigung der totalitären Alleinherrschaft einer Glaubenspartei, wie sie das JudentumDas gilt in gleichem Maße für die beiden Seitenzweige des Judentums: das Christentum und den Islam. für sich gefordert hat, ist die Ausrufung eines Gottes, dem die drei genannten Eigenschaften zugesprochen werden, logisch konsequent.

Es ist jedoch ebenso logisch: Wenn eine allwissende und barmherzige Allmacht eine Welt erschafft, kann diese Welt nur schlechter werden, wenn die Allmacht sich durch die Gebete ihrer unwissenden... und gewiss nicht allgütigen... Geschöpfe dazu drängen lässt, den ursprünglichen Plan des Weltverlaufs zu ändern.

Obwohl die jüdische, christliche und islamische Gebetspraxis, dem eigenen theo­logischen Selbstverständnis gemäß, eigentlich nur Schaden anrichten kann, wird sie mit Eifer praktiziert. Jedes menschliche Ego sieht sich in diesen Glaubenswelten befugt, der allwissenden Allmacht zu sagen, was sie besser machen soll. Tatsächlich ist davon auszugehen, dass der eigentliche Sinn solcher Gebete nur psychologisch, sozial oder politisch sein kann.

4. Funktionen

Ob das Gebet dazu führen kann, eine Gottheit zu beeinflussen, die dem Beter als entrückte Instanz gegenübersteht, bleibt ungeklärt. Wahrscheinlich ist es nicht.

Die Gebete von Auschwitz

Wir können davon ausgehen, dass sich die Gefangenen in Auschwitz millionenmal im Bittgebet an Jahwe wandten. Wir können sicher sein, dass er das meiste, worum er dort gebeten wurde, nicht erfüllt hat. Wir können daher ebenfalls sicher sein, dass das Gebet, auch wenn es zur Verhinderung grotesken Unrechts vorgetragen wird, keine Wirkung im theologischen Sinne hat.

Selbst wenn der eine oder andere Wunsch der KZ-Insassen in Erfüllung ging und selbst wenn er nur deshalb in Erfüllung ging, weil Jahwe tatsächlich eingriff, liegt die Ursache der Erfüllung nicht im Gebet. Sie liegt in Jahwes willkürlicher Entscheidung, die er aus eigenem Gutdünken heraus getroffen hat.

Damit Jahwe solche Willkürentscheidungen treffen kann, bedarf er aber keinesfalls der Inbrunst eines Beters. Also ist das Beten zu Jahwe im theologischen Sinne unwirksam. Wenn es ihn tatsächlich gibt, wie die Bibel ihn sich denkt, tut er sowieso, was er will... und das scheint nicht zum erkennbaren Vorteil derer zu sein, die zu ihm beten.


Dass die Kraft des Gebets, was seine Wirkung auf entrückte Götter betrifft, im Nirwana der Illusion versickert, heißt nicht, dass Gebete unwirksam wären. Ihre Wirksamkeit ist innerseelisch und psychosozial; und könnte, wenn man Gott nicht als alten Mann betrachtet, sondern das eigene Selbst als seinen Ausdruck, sogar eine Wirkung erzielen, die den eigentlichen Absichten des Gebets nahe kommen kann.

Die Funktionen des Gebets können in fünf Kategorien eingeteilt werden:

  1. heidnisch
  2. innerseelisch
  3. psychosozial
  4. politisch
  5. mystisch
Alternative
Alternativ zur dualistischen Erklärung des Bösen, dass es nämlich eine separate Instanz ist, die das Böse tatsächlich um der Bosheit willen betreibt, kann das Böse auch als Resultat bloßen Unwissens erklärt werden. Dann hat es keine eigenständige Existenz, die zu vernichten wäre und das sogenannte Gute dazu verpflichtet, seinerseits vernichtend zu sein. Es würde sich vielmehr schmerzfrei im Nichts auflösen, wenn Unwissen Wissen weicht. Diese Sichtweise hat entschieden mehr Aussicht, die Menschheit zu befrieden, als alle Kopisten der zarathustrischen Spaltungsidee, zu deren Erben man die abraha­mitischen Kulturen zählen kann.
4.1. Heidnisch

Die heidnische Funktion des Gebets ist jene, die ihm das klassische Heidentum ebenso wie die konfessionellen Kulte, die man zurecht als totalitäres Heidentum auffassen kann, primär zuschreiben: Die Einbindung einer göttlichen Wirkmacht für die persönlichen Zwecke des Beters. Die heidnische Funktion setzt regelhaft die Vorstellung einer oder mehrerer abgrenzbarer Gottespersonen voraus, die von außen in das Schicksal des Einzelnen eingreifen.

In der dualistisch gespaltenen Welt konfessioneller Kulte hat sich die Zahl der jenseitigen Akteure auf zwei reduziert: den absolut Guten und den absolut Bösen. Erklärbar ist das Verhältnis des jenseitigen Duos durch drei Denkmodelle:

  1. Das absolut Böse ist ein Element des absolut Guten und steht in dessen Dienst. Dann ist das Gute aber nicht absolut gut. Es hat seine Bosheit lediglich abgespalten.

  2. Das absolut Gute hat nicht die Macht, das absolut Böse zu entkräften. Dann gibt es faktisch zwei Götter. Das Böse ist eine eigenständige Instanz.

  3. Das Böse ist weder eigenständige Instanz noch abgespaltenes Element des Guten, sondern dessen Werkzeug. Dann ist das Böse weder absolut böse noch hat es eigene Substanz. Es ist nicht, sondern erscheint nur.
4.2. Innerseelisch

Selbst wenn der heidnische Vorsatz sein Ziel verfehlt, hat das mit heidnischer Absicht vorgetragene Gebet innerseelische Effekte, die der Betende als Vorteil erleben kann. In der Vorstellung des heidnischen Beters hat das Gebet, auch wenn das konkrete Anliegen nicht in Erfüllung geht, positive Langzeiteffekte:

  1. Wiederholte Gebete um dieselbe Vergünstigung könnten langfristig zum Erfolg führen.

  2. Selbst wenn das konkrete Anliegen nie erhört wird, könnte das im Gebet gezeigte Vertrauen in die Gottesperson dazu führen, dass man im Jenseits dafür belohnt oder im Diesseits beschützt wird.

Beide Sachverhalte führen auch dann zu einer Entängstigung, wenn die zeitnah erhoffte Wirkung des Gebets ausbleibt. Der Beter lebt in der Vorstellung: Ich habe jedenfalls das Richtige getan, sodass ich keine Schuld daran trage, wenn ich später trotzdem leiden muss; und vieles kann sich tatsächlich zum Besseren wenden, wenn der autosuggestive Effekt des Gebets im Sinne eines positiven Denkens zu einem guten Gewissen führt, das Ängste vermindert und Zuversicht fördert.

4.3. Psychosozial

Mit dem innerseelischen Effekt der Entängstigung ist der psychosoziale verwoben. Gebete werden meist im Rahmen gruppenspezifischer Glaubensvorstellungen vollzogen. Das führt auf zweierlei Weise zu einer Befriedigung des Zugehörigkeitsbedürfnisses; und somit ebenfalls zu einer Abwehr von Ängsten:

4.4. Politisch

Die politische Funktion des Gebets kommt besonders dann zum Tragen, wenn Religion in politische Zielsetzungen eingebunden wird. Das war bei den Pharaonen so, bei Nebukadnezar, im antiken Griechenland und im alten Rom. Die politische Funktion ist eindeutig taktisch. Sie wird von Mächtigen zum Zwecke der Machtausübung und von Unterworfenen als Selbstschutz angewandt. Unterworfenen dient sie zur Abwehr von Fremdaggression.

Die Vereinnahmung der Religion zu politischen Zwecken perfektioniert hat der hebräische Nationalismus, der mit der Ausrufung des mosaischen Gottes die Grundstruktur der abrahamitischen Kulte ins Leben rief. Weder im klassischen Judentum noch im Christentum und dem Islam gibt es ein vorrangiges Interesse an eigentlich religiöser Thematik.Nämlich der Frage, wie das konkrete Individuum einen inhaltlichen Bezug zum Göttlichen herstellen kann. Stattdessen steht die formale Anpassung des Einzelnen an eine vorgeschriebene Lebensform im Vordergrund.

Für die verschiedenen Konfessionen der abrahamitischen Glaubenswelt ist Religion kein Mittel des Einzelnen, um sich am Magnetfeld des Absoluten auszurichten, sondern Mittel Gottes, der mit Hilfe einer Priesterschaft jene politischen ZieleDie Eroberung Kanaans durch ein bestimmtes Volk, die Weltherrschaft eines bestimmten Volkes vom Berg Zion aus, die Vereinheitlichung aller religiösen Gebräuche, die Durchsetzung eines Monopols für religiöse Rituale, die Bekehrung sämtlicher Völker zu Christentum oder Islam, die Festigung diesseitiger Herrschaft von "Gottes Gnaden" etc. verfolgt, die im Interesse der Vertreter des Glaubens sind. Religion ist hier nicht Suche von unten nach oben, sondern Dekret von oben nach unten. Das Recht, sie angemessen zu gestalten, wird dem Einzelnen aus der Hand genommen.

Hand in Hand mit der Politisierung der Religion steigt der Druck Psalm 7, 13-14:*
...wenn einer sich nicht bekehrt, spannt er seinen Bogen und zielt mit ihm. Er richtet auf ihn die Todeswaffen...
auf den Einzelnen, sich deren Vorgaben anzupassen, oder als "Gottloser", "FrevlerPsalm 101, 8:*
Jeden morgen will ich alle Frevler im Land vernichten...
", "Abweichler" oder "Ketzer", diffamiert, ausgegrenzt und gegebenenfalls umgebracht zu werden.

Hier setzt die politische Funktion des Gebets aus Sicht der Ohnmächtigen ein: Indem man für alle sichtbar die geforderten Gebetsrituale vollzieht, schützt man sich vor der Aggression des gläubigen Umfelds. Besonders in der islamischen Welt spielt die politische Funktion bis heute eine vorrangige Rolle.

4.5. Mystisch
Im theologischen Sinn kann das Gebet nur dann wirksam sein, wenn es mit Gottes Wesen Übereinstimmung sucht. Wenn ich mir wünsche, nicht mehr Vertreter persönlicher Interessen, sondern ich selbst zu sein, könnte das Gebet theologisch wirken.

Sollte Gott tatsächlich entrückt, allwissend und barmherzig sein, sollte er jedes Gebet ignorieren, das aus der Welt begrenzter Horizonte stammt und eine ÄnderungDa Menschen innerweltlich miteinander konkurrieren, können Gebete keinen Einfluss auf innerweltliche Erfolge haben, ohne dass aus dem einen Gott für alle ein Gott zur Bekämpfung des Anderen wird. Das ist im Großen so, wenn Priester die Waffen verfeindeter Nationen segnen, aber auch im Kleinen, wenn Oliver und Erich es gleichzeitig auf die süße Sanela abgesehen haben oder der FC Barcelona genauso gewinnen will wie Rot-Weiß Madrid. innerweltlicher Abläufe erbittet.

Neben der Vorstellung des entrückten Gottes, gibt es aber auch das mystische Bild. Es unterscheidet sich kategorisch vom Bild dogmatischer Kulte. Während Gott den Menschen aus Sicht der Dogmenkulte als Produkt in eine Wirklichkeit stellt, der Gott selbst nicht angehört, ist der Mensch gemäß mystischer Auffassung Ausdruck Gottes selbst.

So gedacht wäre es möglich, dass Gebete nicht nur intrapersonelle WirkungZum Beispiel im Sinn einer Entängstigung... zeigen, sondern den Horizont der Person überschreiten und das Göttliche dazu bewegen, dem Betenden Einblick in eine Dimension der Wirklichkeit zu gewähren, die er sonst nie zu Gesicht bekäme.

Es ist schwer vorstellbar, dass ein Gebet, das so etwas bewirkt, eines von der Art konkreter Wünsche ist. Wenn sich das Göttliche vor dem Auge des Betrachters zeigen soll, muss der Betrachter nach ihm Ausschau halten; was er nur dann von blendenden Absichten ungehindert tut, wenn er sagt: Es reicht, wenn ich erkenne und so bin, wie mich Gott mir als Ausdruck seiner selbst gegeben hat. Sobald er sich dem Göttlichen mit Wünschen nähert, hat er das Bild des Gewünschten vor Augen. Das Bild wird ihm den Blick verstellen.

5. Meditation, echtes Dankgebet und Anerkennung

Jedes Sehen, das das Gesehene anerkennt, ohne etwas mit ihm zu planen, ist ein echtes Dankgebet.
Nur wer Gott nicht dienen will, wird ihm ungestört von seinem Ego dienen können.

Man kann zweierlei:

  1. Sehen, was ist
  2. Anstreben, was sein soll

Jedes Streben nach dem, was sein soll, ist ein Absehen von dem, was jetzt ist. Dabei wird auf zwei Ebenen abgesehen:

So unvermeidlich es für den Menschen sein mag, etwas... zum Beispiel diesen Gedanken zu formulieren... anzustreben, so groß ist auch die Gefahr, dass er dabei missachtet, was bereits gegeben ist.

Dank ist die Anerkennung dessen, was gegeben ist. Das echte Dankgebet kann daher nur in absichtsfreier Wahrnehmung liegen, das heißt: in einem Sehen, das keinen Zukunftsplan verfolgt, also auch nicht die Absicht, sich Gunst durch den Akt des Dankens zu sichern. Ein solches Dankgebet kann durch Meditation verwirklicht werden.


* Die Heilige Schrift / Familienbibel / Altes und Neues Testament, Verlag des Borromäusvereins Bonn von 1966.