Stalking


Eisberge

Manifestes Stalking ist die Spitze des Eisbergs. Stalking dient der einseitigen Kontrolle von Beziehungen, bei der der Täter versucht, seine Bedürfnisse ohne Berücksichtigung der Interessen des Opfers durchzusetzen, indem er das Opfer in Positionen drängt, die es spontan nicht einnehmen würde.

Unterhalb dessen, was als manifestes Stalking wahrgenommen wird, gibt es in vielen Beziehungen Missbrauchs-, Vereinnahmungs- und Ausbeutungsmuster, deren Grundstruktur Züge des Stalkings trägt. So mancher sieht sich innerhalb seiner Beziehung Übergriffen von Seiten des Partners ausgesetzt, gegen die er sich mehr oder weniger erfolgreich abzugrenzen versucht. Prinzipiell ist auch das Kontrollieren und Nachspionieren aus Eifersucht eine Spielart unterschwelligen Stalkings.

Im eigentlichen Sinne entsteht Stalking aber erst, wenn das Opfer die Beziehung ganz aufzulösen versucht oder ablehnt.

  1. Begriffsbestimmung
  2. Motive und Erscheinungsformen
  3. Psychologische Muster
  4. Was Betroffene tun können
  5. Rolle des Umfelds

1. Begriffsbestimmung

Stalking bezeichnet ein Verhalten, bei dem eine Person einer anderen aus individual-psychologischen Gründen nachstellt. Der Begriff stammt vom englischen to stalk = verfolgen, jagen, nachstellen. Nachstellungen anderer Motivation, zum Beispiel aus politischen Gründen oder mit Bereicherungsabsicht, sind damit nicht gemeint.

2. Motive und Erscheinungsformen

Das Motiv des Stalkings liegt in der individuellen Psychologie des Täters. Dabei geht es um die Funktion, die eine zwischen­menschliche Beziehung für dessen seelisches Gleichgewicht hat. Unmittelbares Ziel des Stalkings ist es...

Um diese Ziele zu erreichen, betreibt der Täter dreierlei...

  1. Er drängt sich dem Opfer auf:

    • indem er ihm unmittelbar nachstellt oder auflauert.
    • indem er es mittelbar bedrängt: durch...
      • Telefonate, SMS, Emails, Briefe etc,
      • Warensendungen, einschließlich missbräuchlicher Warenbestellungen unter Verwendung persönlicher Daten des Opfers,
      • Einträge in sozialen Foren,
      • durch beauftragte Dritte, die als Vermittler eingeschaltet werden.
    • indem er es durch Drohungen zu erpressen versucht.
  2. Er sammelt Informationen über das Opfer, um sich seiner zu bemächtigen:

    • indem er dessen Gewohnheiten beobachtet.
    • durch Aushorchen Dritter oder Internet-Recherche; vor allem in sozialen Netzwerken.
  3. Er versucht, das soziale Umfeld des Opfers in seinem Sinne zu steuern:

    • indem er manipulative Informationen streut, Dritte zu bestimmten Handlungen anstiftet oder den Ruf des Opfers zu schädigen versucht, zum Beispiel durch Veröffentlichung falscher bzw. intimer Informationen oder Bilder im Internet.

Typeneinteilung

Stalker ist nicht gleich Stalker. Bei genauer Betrachtung erscheint eine Unterteilung in fünf Varianten sinnvoll:

  1. Verstoßener Partner
    Wer den Entschluss des Partners, sich zu trennen, nicht akzeptieren will
  2. Unermüdlicher Bewerber
    Wer nicht wahrhaben will, dass sein Wunschpartner kein Interesse hat
  3. Rächer
    Wer nicht nachstellt, um eine Beziehung zu kitten, sondern um den Expartner zu strafen
  4. Liebeswahn
    Form des manifesten Wahns, bei dem der Kranke glaubt, dass sein Opfer ihn liebt, sich gegen das Eingeständnis dieser Liebe aber sträubt
  5. Krimineller
    Zum Beispiel Triebtäter, der ein zukünftiges Opfer ausspioniert

3. Psychologische Muster

Grundsätzlich kann jeder Stalkingopfer werden. Meist entzündet sich das proble­matische Verhalten des Täters, wenn bestehende persönliche Beziehungen auseinander­driften oder zerbrechen.

Täter werden aber auch aktiv, wenn bisher keine Beziehung zum Opfer bestand oder wenn sie nicht persönlich war. Davon betroffen können Prominente sein, aber auch Angehörige von Berufsgruppen mit Klientenkontakt.

Verteilung der Geschlechter

Stalking ist in der Regel eine Folge persönlicher - meist intimer - Beziehungs­wünsche des Täters gegenüber dem Opfer. Die überwiegende Zahl der Täter ist männlich. Die meisten Opfer sind weiblich. Das ist kein Zufall.

Die biologisch-archaische Komponente des männlichen Sexualverhaltens weist dem Mann eher die drängend-werbende Rolle zu, der Frau eher die hinhaltend-wählende. So kommt es, dass Männer aus dem Selbstverständnis einer labilen Männlichkeit oder einer phallisch-ödipalen Charakterstruktur heraus dazu neigen, bei der Werbung um Liebe und Sex über das Ziel hinauszuschießen.

3.1. Opfer

Die Psychologie der Stalkingopfer ragt grundsätzlich nicht aus dem Streubereich normaler psychologischer Konstellationen heraus. Das gilt besonders bei Opfern, die mit dem Täter in keiner persönlichen Beziehung stehen.

Im individuellen Fall kann die Psychologie des Opfers jedoch bedeutsam sein; dann, wenn das spätere Stalkingopfer aus unbewussten Motiven heraus bei der Partnerwahl Personen mit vereinnahmendem Bindungsverhalten bevorzugt. Wahrscheinlich gehen Menschen mit abhängigen, ängstlich-vermeidenden oder depressiven Verhaltens­mustern ein erhöhtes Risiko ein, sich an vordergründig dominante Partner zu binden, die beim Versuch, sich von ihnen abzulösen, offensiv-vereinnahmend reagieren.

3.2. Täter
Politische Entsprechungen
Stalking ist als individualpsychologisches Beziehungs­muster definiert. So soll es auch bleiben. Der Grund­gedanke der Täter, nämlich berechtigt zu sein, sich anderer zwecks Erfüllung ihrer Bedürfnisse zu bemäch­tigen, ist jedoch eine verbreitete psychologische Tendenz. Es wäre verwunderlich, wenn sie sich nur im Wasserglas persönlicher Beziehungen bemerkbar machte. Und tatsächlich: Blickt man ins Spektrum politischer Strömungen, entdeckt man allenthalben Befürworter der Kontrolle, der Überwachung, der Vereinnahmung und Bevormundung. Die Befürworter solcher gesellschaftlichen Beziehungstaten frönen gehäuft einer Spielart des Liebeswahns. Sie glauben, dass die Vereinnahmten bloß noch nicht begriffen haben, dass der Übergriff der Übergriffigen, die Erfüllung der Bedürfnisse der Bevormundeten bedeutet.

Das Selbstwertgefühl des Stalkers ist brüchig. Es hängt von der Bestätigung durch andere ab, besonders von der durch enge Bezugspersonen. Zurückweisung erlebt er als Entwertung. Insofern hat auch er grundsätzlich abhängige Persönlichkeitsmuster. Diese Eigenschaften treffen auf viele Menschen zu, ohne dass die meisten davon bei Zurückweisung jedoch mit dem konkreten Problemverhalten reagieren.

Zur Psychologie des Stalkers gehört darüber hinaus eine offensive Grundhaltung, die den Anderen aus narzisstischen Motiven fordernd vereinnahmt. Hinter dem Dominanz­streben des Stalkingtäters steckt oft eine unreife Selbstwertregulation, die sich des Abwehrmechanismus der projektiven Identifikation bedient. Stalker gehen davon aus, dass andere für die Besorgung ihrer Bedürfnisse zuständig sind.

4. Was Betroffene tun können

Stalking kann erhebliches Leid verursachen. Je nach Aggressivität des Täters kann Stalking bei Opfern schwere psychische Symptome hervorrufen: Ängste, Anpassungs­störungen mit depressiver oder gemischt-emotionaler Symptomatik, Schlafstörungen oder Suchtmittelmissbrauch zur Dämpfung der entsprechenden Symptome. Daher ist es wichtig, sich als Opfer nachhaltig gegen die Übergriffe des Täters abzugrenzen.

Tatsächlich ist aber nicht nur das Opfer Opfer des Stalkings. Auch der Täter wird in gewissem Sinne Opfer seines Fehlverhaltens:

Dementsprechend ist es für den Täter wichtig, sein zwanghaftes Bedürfnis nach Beziehungskontrolle zu überwinden.

Juristische Möglichkeiten

Verschiedene gesetzliche Vorschriften befassen sich mit der Abwehr von Stalkingtaten:

4.1. Opfer

Als Opfer eines Stalkers können Sie folgendes tun:

4.2. Täter

Leidensdruck

Wer anderen nachstellt, kann kaum glücklich sein. Oft leidet der Stalker unter dem, was ihn zur Tat motiviert; oder unter den Taten selbst. Das gilt aber nicht für jeden. Bei dissozialen oder destruktiv-narzisstischen Persönlichkeiten mit schwerer emotionaler Beeinträch­tigung, kann das Gefühl der Macht, das der Kontrolle über das Opfer oder dem Triumph über dessen erkennbare Angst entspringt, jedes Leid an einem eigenen Unver­mögen übertönen; wenn denn der Mut, ein solches Leid zu empfinden, überhaupt vorhanden ist.


Anders gelagert
Millionen Beziehungen enden in vorzeitiger Trennung. Oft sind Kinder im Spiel. Meist werden sie den Müttern zugesprochen.

Nicht immer sind Trennungen einvernehmlich. Es kommt vor, dass verbitterte Frauen den Rosenkrieg über das Besuchsrecht der Kinder austragen. Sie finden Vor­wände, Besuchsregelungen auszuhebeln. Sie drängen die Kinder, sich von ihren Vätern zu distanzieren.

So manch ein Vater, der sich aus einem so wichtigen Teil seines Lebens wie der Vaterschaft ausgebootet sieht, reagiert mit drängenden Gegenmaßnahmen. Er versucht den Kontakt zu erzwingen. So läuft er Gefahr, als Stalker verdächtigt zu werden, obwohl er eher Opfer missbräuchlicher Beziehungsmanöver vonseiten seiner ehemaligen Partnerin ist.

Stalkingtäter leiden unter dem Zwang, Kränkungen ihres Selbstwertempfindens durch Manipulation und Vereinnahmung anderer abzuwehren. Dabei kann auch für den Täter ein erheblicher Leidensdruck entstehen...

Deshalb ist es für den Täter von Interesse, seine Abhängigkeit von der Bestätigung durch andere zu überwinden. Sollten Sie Stalker sein, können Sie folgendes tun:

Einsicht

Voraussetzung dafür, dass Täter ihr Fehlverhalten aus eigener Kraft überwin­den, ist die Einsicht, dass es überhaupt ein Fehlverhalten ist. Diese Einsicht fehlt oft. Viele Täter sehen sich selbst als Opfer. Sie deuten ihr Verhalten dement­sprechend als legitimes Mittel, sich gegen Ungerechtigkeit zur Wehr zu setzen. Dann wird Selbsthilfe kaum möglich sein. Das gilt erst Recht, wenn das Motiv des Stalkings einem Liebeswahn entspringt. Die psycholo­gische Dynamik des Wahns verhindert Einsicht oft grundsätzlich.

5. Rolle des Umfelds

Das persönliche Umfeld des Opfers hat wichtige Funktionen.

Auch für den Täter ist das Umfeld wichtig. Je mehr tragfähige Beziehungen vorhanden sind, desto eher wird er Zurückweisungen verkraften und sein Fehlverhalten einstellen.